Hals- und Beinbruch

- Was machen, wenn man keinen Hauschoreographen hat? Wieder mal ein Stück einkaufen. Und da kann man sich glücklich schätzen, einen William Forsythe zu kriegen. Dieser Name bürgt für internationales Renommee u n d künstlerische Revolution. Soeben eröffnete Ivan Liskas Staatsballett die Saison mit Forsythes dreiteiligem "Limb's Theorem" (1990) - und erntete euphorischen Applaus (Münchner Nationaltheater).

<P>Es ist ja auch eine phänomenale Leistung. Denn: Nicht nur muss man sich bei Forsythe sowieso immer "Hals- und Beinbruch" wünschen, sein "Limb's Theorem" war 1990 obendrein auch noch Startrampe für tanztechnische wie ästhetische Neuansätze. Als sein Ballett Frankfurt 1994 mit "Limb's" hier gastierte, flippte man schier aus vor Begeisterung: Keine dekorative "Erzähl-Kulisse" mehr. Die Bühne mit fotografischem Lichtdesign völlig neuartig inszeniert.<BR><BR>Integriert in das tänzerische Geschehen jeweils riesige Objekte: eine wie ein Lichtsegel schräg über der Tanzfläche schwebendes weißes Rechteck, das - von einem "Museums-Wärter" in Abständen per Hand gedreht/gewendet - den Raum immer neu aufteilt (Teil I). Ein gewellter Holz-Paravent, von umhergefahrenem, großem Scheinwerfer immer anders plastisch modelliert (Teil II). Ein sanft sich drehendes Modell-Viertel einer Dom-Kuppel, das auch eine Satellitenschüssel sein könnte (Teil III). Und dann diese sonderbar hohle Klang- und heisere Echo-Räume schaffende elektronische Musik von Hauskomponist Thom Willems, diese nachtschattige Atmosphäre, in der die Tänzer einzeln, in Pas de deux und kleinen Gruppen geheimnisvoll werkende oder rasend getriebene Wesen einer "Utopia Station" sind.<BR><BR>Fünfzehn Jahre (zu) alt</P><P>Und schließlich diese Tanzsprache, neoklassisch noch in den überpointiert kantig-gradlinig gesetzten Armen und Arabesken, in den Pirouetten, aber auch schon postmodern herausgewunden tief aus der Mitte von Delphin-ähnlich wegtauchenden Körpern. Herausgewrungen, -geschleudert, angepeitscht von Willems' metallischen Rhythmen - das alles war faszinierend neu, in seiner kühlen Virtuosität berauschend.<BR><BR>Und verblüffend: Ballett konnte also auch ganz anders sein, kam ohne Spitzenschuh und Tüllröckchen aus, spiegelte in der zersplitterten Vielzahl von Aktionen, in seinem Tempo, seiner explodierenden Energie den gesellschaftlichen Wandel hin zu einer hoch technisierten, komplexer gewordenen Existenz.<BR><BR>All das ist natürlich auch jetzt vorhanden. Aber Forsythes Einfluss auf die nachgewachsene Choreographen-Generation war so überwältigend stark, dass all seine Neuerungen längstens choreographische Normalität geworden sind. Anders gesagt: Man sieht dem Abend, in Teilen zumindest, seine 15 Jahre einfach an.<BR>Zum Klassiker avancieren könnte höchstens das mittlere "Enemy in the Figure" - schon 1989 als eigenständiges Stück entstanden -, weil es dicht genug choreographiert ist und eigentlich als Übernahme auch genügt hätte. Aber wer weiß, wenn das Publikum weiterhin so strömt wie zur Premiere, wird "Limb's Theorem" nicht nur vor dem Verschwinden bewahrt, sondern auch noch zum Kultstück. Dass es für Frankfurts wesentlich kleineres Haus konzipiert wurde und hier auf der riesigen, auch noch bis auf die Brandmauern leergeräumten Nationaltheater-Bühne die Tänzer in ihren hautengen schwarzen Trikots wie die "Gulliver's Travels"-Lilliputs wirken, ist nicht wegzuretuschieren. Immerhin haben sie pädagogisch-künstlerisch profitiert.<BR><BR>Und vielleicht erobern sie sich noch ihren individuellen Körperausdruck, der diese Technik erst zu Tanz macht. Dort angekommen waren nur der junge Ryan Ocampo und - raumsprengendes Kraftzentrum - Alen Bottaini.<BR><BR></P>

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