Halsbrecherische Jagd

- Peer Boysen schlägt dem antiken Mythos eine Schlucht - mitten hinein ins Publikum, das in den folgenden 14 Aufführungen in der Schauburg, dem Münchner Theater der Jugend, vorwiegend jugendlich sein wird. Eine Oper für junge Leute schwebte ihm, dem Regisseur, und Christoph Poppen, dem Dirigenten, vor, als sie zu jenem Stoff griffen, der für uns Heutige die Anfänge der Oper markiert: Orpheus.

<P>Sie luden den jungen Augsburger Komponisten Volker Nickel ins Boot und machten sich auf in die Opernwelt. "Orfeus" heißt ihr knapp 90-minütiges musiktheatralisches Gemeinschaftsprodukt, das am Samstagabend vom durchwegs älteren Premieren-Publikum freundlich beklatscht wurde.</P><P>Kammermusikalische Durchsichtigkeit</P><P>Zwischen zwei steile Zuschauertribünen hat Boysen ein lang gezogenes Treppenpodest als Spielrampe gesetzt, das von einer winzigen weißen, beinahe tempelartigen Bühne hinunter in den Orkus, hinter einen knallroten Samtvorhang führt. Das Münchener Kammerorchester thront genau darüber, und Christoph Poppen kletterte über eine Leiter auf seinen exponierten "Göttersitz". Die Versuchsanordnung ist klar, doch die überdrehte, hektische, nicht durchwegs schlüssige szenische Umsetzung stiftet zunächst Verwirrung. </P><P>Die fünf Schauspieler und zwei Sänger stürmen und rasen zu Beginn in wilder, halsbrecherischer Jagd über das Stufenpodest. Wer von diesen androgynen, lehmig-rissig geschminkten und wie ausgegraben wirkenden Gestalten wohin gehört, das lässt sich erst nach und nach herausfiltern. Sofort erkennbar sind nur Orfeus (Hussam Nimr) und Eurydike (Tamara Hoerschelmann), während sich zu den Mächten der Finsternis - Pluto (Sebastian Hofmüller) und Proserpina (Sabrina Khalil) - auch der Erzähler (Klaas Schramm) und die beiden Sänger (Gabriela Künzler, Sopran, und Nicholas Hariades, Countertenor) schlagen.</P><P>Erst nach und nach schält sich aus dem turbulenten Zuviel die Geschichte heraus, gönnt Boysen den Akteuren punktuell Ruhe, Blicke, Gesten, die nachhaltiger wirken als all seine überflüssige Videoclip-Action. Interessant, dass er Pluto zum Vergewaltiger Eurydikes (statt Schlangenbiss) macht und dass der trauernde Orfeus Proserpina umarmt, die sich ins Gewand der Toten hüllt. Nach dem fatalen Blick zurück steigt Boysens Orfeus aus den alten Kleidern in den modernen (Trauer-)Anzug, wird ein Heutiger. Angenehm, dass sich weder der Komponist noch Boysen als stoffkundig zitierender Librettist bei der Jugend anbiedern.</P><P>Volker Nickels Musik hätte allerdings eine ruhigere Regie sicher gut getan. Denn sie baut auch in der Kombination mit der Elektronik auf kammermusikalische Durchsichtigkeit. Selbst Schlagzeug (Thomas Hastreiter) und Klavier (Laura Konjetzky) setzen keine grellen Farbeffekte. Am Pult seines Kammerorchesters schürte Poppen die knappen dramatischen Steigerungen, kitzelte die italienisch-ariosen Reminiszenzen (Sänger) aus der Partitur und gab den u-musikalischen "Ausrutschern" Schwung. </P><P>Musiktheater für die Jugend - das sollte, auch wenn dieser "Orfeus" noch kein Volltreffer war, in der Schauburg eine Heimat finden. Elektra oder Don Juan warten schon. </P>

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