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Körpervirtuosin: Nadja Michael (Emilia Marty) mit John Lundgren (Jaroslav Prus, v.li.), Pavel Cernoch (Albert Gregor) und Gustav Beláček (Kolenat´y).

Premierenkritik

Halt auf halber Strecke

München - Árpád Schilling inszenierte an der Bayerischen Staatsoper Leoš Janáčeks „Die Sache Makropulos“: Lesen Sie hier die Premierenkritik.

Zufall, gewiss. Aber welch seltsame, bittere Pointe, dass man nun, wo die Debattenwelle um den gnädigen, selbstgewählten Freitod gerade durch die Talkshows schwappt, mit einem ganz gegenläufigen Schicksal bekannt gemacht wird. Die Hoffnung aufs ewige Leben ist ja ein – blasphemischer – Topos nicht nur aus alter Zeit. Doch ob Blut als Lebenssaft wie bei Draculas oder ein Elixier wie hier vom Alchimisten: Wo der Geist (und die umgebende Gesellschaft) nicht mitmacht, nützt der ewig frische Körper wenig. Das ist die Keimzelle auch von Leoš Janáčeks „Die Sache Makropulos“. Eine Oper, die gerne missverstanden wird, weil sie eben viel mehr ist als ein Divenvehikel für Sopranistinnen, die sich mal nicht mit einem Vokalfeuerwerk, sondern als Charaktertragödinnen präsentieren wollen.

Auch Árpád Schilling, verantwortlich für die Neuproduktion an der Bayerischen Staatsoper, bleibt auf halber Strecke seines Regie-Weges stehen. Bis zum Stopp sammelt er jedoch ein paar Pluspunkte. Und für die darf er sich vor allem bei Ausstatter Márton Ágh bedanken. Zwei hohe Wände, die auf der Drehbühne zum Winkel positioniert sind, dazwischen anfangs eine Stuhlhalde, später ein Denkmalsockel für die Heldin – mal hohes, kühles Marmorzimmer wird da angedeutet, mal eine wandgepolsterte Studioatmosphäre.

Immer ist die in helles Licht getauchte Szenerie Ausstellungsfläche für ein Leben, das eben in keinem Zeitalter funktionieren kann. Wobei Schilling, und hier beginnen schon die Probleme, munter durch die Stile und Epochen mäandert. Ist also Emilia Marty, zunächst ganz coole Lederbraut, womöglich einer Zeit weit voraus, in der die Verehrer Knickerbocker tragen? Ist diese Oper vielleicht „nur“ surreales Spiel, mithin also die ernste Schwester von Janáčeks „Brouček“, wie unter anderem die als Biene Maja einschwebende Krista suggeriert? Ist Letztere die natürliche Nachfolgerin Emilias, so, wie sie sich am Ende in den Fuchspelzmantel der 337-Jährigen kuschelt, entführt in den Schnürboden auf einer kitschigen Eislandschaftsfläche?

Vieles wird da angerissen, angedeutet in einer Inszenierung, in der Schilling seine Figuren zurückhaltend und oft versiert durchs Stück geleitet. Pausenlose 90 Minuten, so etwas steht dem Dreiakter ausnehmend gut, zielt auf hohes Theatertempo – und verpufft doch, wenn sich Stringenz nur ansatzweise einstellt. Was bleibt, ist ein inhaltlich diffuser, modernistisch eingekleideter Ausstattungsabend – und vor allem das große Solo einer von sich mehr als überzeugten Protagonistin.

Nadja Michael ist eines der raumfüllendsten Bühnentiere, das man zurzeit auf dem Opernmarkt buchen kann. Szenisch eine „sichere Miete“. Sehr einfach macht das die Sache für Regisseure: Schilling & Co. müssen diese Sängerin nur von der Leine lassen und ihre Schlangentiegernummer abrufen. Es gibt also viel zu staunen, manches ist auch aufreizend nicht zu sehen wie im Falle einer Seidentoga, die weniger verhüllt, sondern gerade noch bedeckt. Eine Virtuosin des eigenen Körpers ist da am Werk. Eine (auch penetrant) laszive Szenen-Eroberin, die, im steten Ausstellen ihrer Attraktivität, dabei doch von einer echten Rollendurchdringung ziemlich weit entfernt ist.

Wer nun diese Emilia Marty ist, worin ihre große Tragödie besteht, das bleibt in dieser Aufführung unentdeckt, zumal auch Nadja Michael stimmlich einiges offenlässt. Da gibt es gewiss große, imponierende Passagen, aufgerissene, im Finale auch gefährdete Töne. Aber Janáček verlangt in seinen kleinteiligen, am Sprechgestus orientierten Gesangsmustern viel mehr. Ein tragfähiges Parlando, dazu Farben, Nuancen, kleine vokale Florettfechtereien – all das also, was Nadja Michael, deren hochgetunter Mezzosopran bei hohen Dezibelzahlen am besten funktioniert, kaum gelingt.

Dass sich die Kollegen von ihr an die Wand drängen lassen, ist daher doppelt schade. Denn dort, in diesen (ungewollten) Randpartien, erfährt man viel über Janáčeks Stilistik und Charakterzaubereinen. Bei Pavel Cernoch zum Beispiel, ein verkniffener, verklemmter Albert, der seinen attackierenden, gut fokussierten Gesang zum Angstbeißen werden lässt. Bei John Lundgren, der als Jaroslav Prus szenisch unterfordert bleibt. Bei Dean Power als wendiger Janek und Tara Erraught als emphatische Krista, vor allem aber bei Gustáv Beláček, dem als Dr. Kolenat´y das griffigste Rollenprofil glückt.

Nicht leicht ist es manchmal für sie alle, gegen das zu bestehen, was aus dem Graben drängt. Tomáš Hanus, mitverantwortlich für die Neuausgabe der „Sache Makropulos“, hat seine eigene Lösung für Janáčeks hochtourige Motivpuzzeleien: eine extreme Profilierung ihrer Einzelteile. Hanus zielt auf eine harte, trockene, reaktionsschnelle Expressivität, auf eine Aufhellung und Schärfung des Klangs, mithin also auf eine enge Verzahnung von vokalem und orchestralem Parlando. Das gelingt nicht immer in der Premiere, auch weil das meist aufmerksam mitgehende Bayerische Staatsorchester in anderen Musikdialekten daheim ist. Dass Hanus nicht locker lässt, ist sympathisch – seine Musizierweise ist ein Gewinn im Dirigenten-Bouquet der Staatsoper. Mehr Einsätze des Tschechen, auch im Repertoire, wären schon denkbar. Wenigstens einer also, der an diesem Abend das Rätsel um eine Jahrhunderte alte Diva gelöst hat.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen:

22., 26., 29.10. sowie 1.11.;

Telefon 089/ 2185-1920.

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