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Auf die Bühne werden die Bilder einer Überwachungskamera projiziert, die einen Anschlag in Israel zeigen . Dejan Bucin, Jelena Kuljic, Niels Bormann und Damian Rebgetz (v. li.) stellen die Szene nach. 

Premiere an den Münchner Kammerspielen

Haltlos in der Terrorangst

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München - Ausgehend vom Amoklauf am Münchner Olympia-Einkaufszentrum widmet sich die Regisseurin Yael Ronen in „Point of no Return“ an den Münchner Kammerspielen der Terrorangst. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik. 

An Münchens Kammerspielen geht es abwärts. Eine Rampe, halsbrecherisch steil zum Parkett hin stürzend, hat Wolfgang Menardi auf die Bühne gebaut: Der Moment, an dem eine Rückkehr zum Ausgangspunkt noch möglich ist, scheint längst überschritten. Hilflos rutschen, schlittern, stolpern die Darsteller in Richtung Publikum – wenn sie sich nicht mit einem Seil gegenseitig sichern oder doch versuchen, wieder nach oben zu kraxeln. Umkehr freilich ist anstrengend, körperlich – aber erst recht im übertragenen Sinn.

Der Amoklauf änderte die Pläne der Regisseurin

Auf Bilder und ihre Bedeutung kommt es bei Yael Ronens Arbeiten an. Die Performance „Point of no Return“, die am Donnerstag in der Kammer 1 uraufgeführt wurde, ist da keine Ausnahme. Die israelische Theatermacherin hat erstmals für München ein Bühnenprojekt realisiert. Wie berichtet, sollte es ursprünglich um Liebe, Sex und Zärtlichkeit im digitalen Zeitalter gehen. Dann kam der Amoklauf von David S. am 22. Juli am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ). Ronen, die ihre Arbeiten stets zusammen mit dem Ensemble entwickelt, änderte das Thema: Jetzt drehen sich die 90 Minuten (keine Pause) um individuelle und kollektive Terrorangst.

Es ist ein hochtouriger, oft auch sehr kluger Abend. Die Regisseurin arbeitet gerne mit den Biografien, den tatsächlichen oder behaupteten Emotionen und Beobachtungen ihrer Darsteller, verpackt diese in scheinbar harmlose Plaudereien, scheut dabei keine Pointen – und kombiniert all das immer wieder mit Faktenchecks. An den Kammerspielen erfährt das Publikum etwa, dass mehr Menschen durch Tiere als durch Terror sterben.

Persönliches und Ironisches werden gemischt

Zum Auftakt von „Point of no Return“ berichten Niels Bormann, Dejan Bucin, Jelena Kuljic, Wiebke Puls und Damian Rebgetz, wie sie reagiert haben, als die Meldung von Schüssen am OEZ kam. Das ist mit Tempo und Witz inszeniert, denn in den Schilderungen offenbart sich außer Panik auch eine zutiefst menschliche Regung: der Wunsch (und zugleich die Angst), exponiert zu sein.

Puls, die am 22. Juli mit ihren Kindern in einer Theatervorstellung saß, dreht diese Spirale in einem saukomischen Solo von „Wow! Wir sind die Ersten (die ein Terroranschlag trifft; Anm. d. Red.) – und nicht Berlin!“ bis zur enttäuschten Feststellung, in einem solchen Moment im Zuschauerraum zu verschwinden, statt auf der Bühne zu stehen: „Sie kennen mich: Rampe, Mitte. Sie kommen seit Jahren hierher, bezahlen sogar dafür“, bittet sie das Premierenpublikum um Verständnis für ihr Divengehabe. Ganz anders die Reaktion von Jelena Kulji´c, die der 22. Juli so sehr an die von ihr miterlebten Nato-Angriffe auf Serbien erinnerte, dass sie glaubte, auch in München Bomben fallen zu hören.

In diesen Kreislauf aus Selbstbezug und Angst wird das Publikum mitgenommen: In den hohen Spiegelwänden, die Menardi auf die Bühne gebaut hat, sehen sich auch die Zuschauer. Und Panik, das zeigt die Erfahrung, kann eine Gesellschaft ähnlich haltlos machen wie die Rampe das Ensemble. Befeuert einerseits durch die Hysterie in Teilen der Sozialen Netzwerke und andererseits durch das Wissen etwa über den Ablauf der Anschläge von Paris wurde am 22. Juli in München zeitweise über viel mehr Täter und Tatorte spekuliert. Das Gefühl verlorener Sicherheit verstärkt die Inszenierung durch die Projektion von Bodenfliesen auf die Spielfläche, die jedoch immer wieder Wellen schlagen und ihre klare geometrische Struktur verlieren. Kein Halt, nirgends.

Der Abend verliert die Balance zwischen Fakten und Furor

Doch leider verliert auch „Point of no Return“ die Balance zwischen Fakten und Furor, zwischen Witz und Wut, zwischen Analyse und Ausnahmezustand. Ronen lässt im zweiten Teil das Video einer Überwachungskamera abspielen, das zeigt, wie im Oktober 2015 am zentralen Busbahnhof von Beer Sheva in Israel während eines Attentats Menschen fliehen. Zudem wird der 29-jährige Haftom Zarhum aus Eritrea, den ein Sicherheitsmann für einen zweiten Terroristen hält, angeschossen und schließlich von aufgebrachten Israelis so schwer verletzt, dass er stirbt. Es wirkt ebenso anmaßend wie hilflos, wenn die Darsteller in den Kammerspielen versuchen, diese Szenen als ein Ballett der Todesangst und des Sterbens nachzustellen. Dabei hat die Regisseurin mit ihrer berührenden Berliner Arbeit „Common Ground“ über den Jugoslawienkrieg bereits bewiesen, dass sie sehr wohl eine Bühnensprache für den Umgang mit den Opfern und deren Leid entwickeln kann. Eine solche fehlt hier.

Danach findet die Produktion nur noch selten zur Überzeugungskraft des Beginns zurück. Zwar wird viel Bedenkenswertes über die Gesellschaft, die Angst und den Tod gesagt. Zwar sind die fünf Akteure hochengagiert, sodass es eine Freude ist, ihnen zuzuschauen. Zwar ist es bittere Wahrheit, dass manche darüber enttäuscht waren, dass die Tat von David S. „nur“ ein Amoklauf und kein Terrorakt war, wie es am Ende heißt. Dennoch sind am 22. Juli in München neun Menschen und der Täter gestorben; es wurden mehr als 30 verletzt. Sie kommen in „Point of no Return“ nicht vor. Diese wichtige Auseinandersetzung scheut der Abend.

Trotzdem: langer, begeisterter Applaus.

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