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Zwei, die sich brauchen – aber lieben sie sich auch? Felix Kramer als Albert und Xenia Tiling in der Titelrolle bilden das Kraftzentrum in Anna Bergmanns Inszenierung von „Eine Unbekannte aus der Seine“ am Münchner Volkstheater.

Ein hammerzarter Abend

München - Anna Bergmann beeindruckt am Volkstheater mit ihrer Inszenierung von Horváths „Eine Unbekannte aus der Seine“

Was für ein Einstand! „Eine Unbekannte aus der Seine“ ist Anna Bergmanns erste Inszenierung am Münchner Volkstheater – und ein Erfolg. Die junge Regisseurin, Jahrgang 1978, hat Ödön von Horváths Stück, das 1933 entstand und 1949 uraufgeführt wurde, hammerzart, poetisch und schmerzhaft, intelligent und unterhaltsam auf die Bühne gebracht. Ein verstörend schöner Abend.

In diesen etwas mehr als zwei Stunden stimmt wirklich fast alles. Angefangen von Ben Baurs karger Bühne, deren Häuser weniger Lebensraum als vielmehr Wohnzellen sind, aus denen sich die Nachbarn gegenseitig beäugen, über Heiko Schnurpels minimalistischen Elektro-Sound, der die Szenen nie überlagert, aber oft raffiniert unterstützt, bis hin zur Bearbeitung des Textes.

In klaren Bildern erzählt Bergmann vom Trachten der Horváth’schen Figuren nach Glück. Ein offenbar zum Scheitern verurteiltes Unterfangen: „Glückselig“ ist das unerreichbare Trugbild, Ben Baur lässt das Adjektiv in der pinkfarbenen Neon-Schrift billiger Werbetafeln über der Bühne schweben. Dennoch versuchen die Charaktere, dem Alltagstrott zu entkommen: Mechanisch und entmenschlicht rattern die Schauspieler über die Bühne (die Computerbildschirme, die ihnen Claudia González Espíndola aufgesetzt hat, hätte es gar nicht gebraucht), bevor die Regie ihnen kurze Ausbrüche erlaubt: Ernst vergiftet etwa den Singvogel seiner neuen Liebe Irene mit Haarspray. Klara gesteht Emil ihre Liebe auf einem Plakat – und schmäht ihn, kaum dass Zeugen sie sehen. Eben jener Emil wagt es nur nachts, seine feminine Seite auszuleben. Und Lucille müht sich beim Putzen verzweifelt mit erotischen Verrenkungen ab, um die Aufmerksamkeit des Uhrmachers zu wecken – erst als dieser ermordet ist, wird sie Körperkontakt wagen, sich so hilflos wie sehnsüchtig an der Leiche reiben. All diese im Alltag so gut verborgenen Leidenschaften und Ticks machen jene Durchschnittsbürger menschlicher.

Anna Bergmann ist es gelungen, ihre Schauspieler richtig zu besetzen und gut zu führen. Sie hat etwa die Rampensau in Jean-Luc Bubert gezähmt, sein Ernst ist erstaunlich ernst. Zudem hat sie ihm mit Sina Kießling eine starke Partnerin zur Seite gestellt: Irene ist die erste Rolle der Neuen im Volkstheater-Ensemble – und so wie Kießling sie spielt, darf man neugierig sein, was sie künftig zeigen wird.

Gewohnt souverän sind Robin Sondermann als Emil, der schier ausrastet, wenn er sich als Frau verkleiden darf, und Pascal Fligg als überforderter Polizist, den erst sein Coming-Out befreit und selbstbewusst macht. Es ist beiden hoch anzurechnen, dass sie – bei allem Spaß an schrillem Klamauk – ihrem Schwulen-Paar eine sensible Würde erlauben.

Ein wahrer Glücksgriff ist die Besetzung der Hauptrollen: Felix Kramer, als Gast erstmals am Volkstheater zu sehen, zeigt den arbeitslosen Albert zwar einerseits als klagenden Jammerlappen, aber eben auch als einen, der den Humor nicht verliert. Als Mann, der zwar nicht verstehen kann, dass seine Ex nichts mehr von ihm wissen will, der dennoch offen ist für die Liebe der Unbekannten – oder hat er sie tatsächlich einfach nur „sehr gebraucht“? Kramer lässt das geschickt in der Schwebe. Zwar wird er wie einst der Prinz in „Aschenputtel“ seiner Irene in die Schuhe der Unbekannten helfen, doch zeigt er bis zum Ende auch, dass Albert sein neues, altes Glück nicht genießen kann.

Das Mädchen (dessen Name wie der des Uhrmachers, des anderen Toten in diesem Stück, ungenannt bleibt) ist bei Xenia Tiling bestens aufgehoben. Mit sprödem Charme spielt sie diese Frau und deren bedingungslose Liebe. Sie ist zupackend und ungerührt, wenn es etwa darum geht, für eine Limo die Brüste herzuzeigen. Und sie ist verletzlich und verloren, wenn sie spürt, dass die Welt um sie aus den Fugen ist. Tiling hütet sich stets davor, diese Frau allzu konkret zu verorten. Damit gelingt es ihr tatsächlich, offenzulassen, wer diese Unbekannte nun ist – „Menschenkind“ oder doch ein „Engel“? Bei Tiling bleibt sie ein schönes Geheimnis, das uneingelöste Versprechen einer vielleicht schmerzhaften, aber gerade deswegen „glückseligen“ Liebe.

Ihren Tod indes hat die Figur hier nicht mehr in der Hand: Während sie sich bei Horváth ertränkt (der damit die Legende jener Pariser Wasserleiche literarisch bearbeitete, deren lächelnde Totenmaske zu Beginn des 20. Jahrhunderts berühmt wurde), wird sie in Bergmanns Inszenierung von Irene ermordet: Der Spießbürger duldet nicht, was er nicht begreift.

Für den Epilog lässt die Regisseurin die Leiche liegen, während um diese herum Kleinbürgerträume in pervers bedrohlichem Kitsch-Rosa wahr werden: Das schwule Galeristen-Paar erzählt Albert und seiner Irene die Geschichte der Skulptur jener Unbekannten, bevor Irene sie fürs heimische Schlafzimmer kauft. Dann tritt der Kinderchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz auf – überdrehtes Clowns-Lachen in die jungen Gesichter geschminkt – und singt den Tears-for-Fears-Klassiker „Mad World“: „The Dreams In Which I’m Dying Are The Best I’ve Ever Had“ („Die Träume, in denen ich sterbe, sind die besten, die ich je hatte“). Der Durchschnitt hat einmal mehr den Sieg davongetragen. Es ist der starke Schluss einer starken Inszenierung.

Michael Schleicher

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