Das Hamsterrad überprüfen

München - Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter hat eine längere Pause vom Konzertbetrieb angekündigt. "Es kann sein, dass ich nach einem Halbjahres-Sabbatical, das nächsten Sommer beginnt, genauso stark weiter konzertiere oder aber meine Reisestruktur völlig über den Haufen werfe", sagte die 45-Jährige.

-Sie treten seit 30 Jahren in der ganzen Welt auf und sind dennoch in einem Alter, in dem andere Künstler ihr Wirken oft erst beginnen. Wie lange halten Sie das noch durch?

Ich bin kein Prophet. Ich lege in regelmäßigen Abständen Pausen ein, entweder einjährige oder wenigstens mehrmonatige, um aus der Distanz zu überprüfen, ob das Hamsterrad, in dem jeder von uns sich bewegt, das Hamsterrad ist, in dem ich leben möchte. Dieses halbe Jahr, das ich mir nun vornehme, ist dazu gedacht, nicht nur Kraft zu schöpfen, sondern meine Lebensweise zu überdenken. Ich liebe die Illusion der Selbstbestimmung, und die wird sicherlich durch diese Monate des Abstandes von der täglichen Hetze unterstützt.

-Fassen Sie in diesem Sabbatical die Violine gar nicht an?

Ich hatte eigentlich gar nicht geplant, irgendwas zu planen für dieses halbe Jahr. Ich gehe davon aus, dass ich in der Zeit neues Repertoire erarbeite. Das bezieht sich auf zeitgenössische Werke, die ich im darauffolgenden Jahr uraufführe. Aber ich werde mich sicherlich auch mit den Bach-Solosonaten auseinandersetzen, und es wird bestimmt Wochen, wenn nicht Monate geben, in denen ich überhaupt nicht übe, in denen ich einfach mal aufräume beispielsweise.

-Kann sich eine Anne-Sophie Mutter tatsächlich abverlangen, wochenlang nicht Geige zu spielen?

Ich hab's immer so gehalten. Ich war nie ein Vielüber im Sinne von endlosen Stunden täglich. Ich war immer ein sehr intensiver und konzentrierter Studierer. Aber ich liebe es fast noch mehr, Probleme musikalischer oder technischer Natur aus der Distanz zu lösen. Das heißt, einfach über die Analyse als über die ständige, fast stumpfsinnige Wiederholung eines Bewegungsablaufes, der, wenn er innerhalb kürzester Zeit nicht sitzt, sowieso nicht funktionieren kann. Da steckt dann ein gedanklicher Fehler drin, und den kann man nur in Abwesenheit des Instrumentes lösen.

-Strapaziert Sie das viele Reisen?

Das Reisen ist sehr viel unbequemer geworden. Es ist auch schwieriger, mit Instrumenten zu reisen, weil man sehr oft aus Sicherheitsgründen den Geigenkasten öffnen muss und Todesqualen aussteht, wenn ein Sicherheitsbeamter, der verständlicherweise keine Ahnung hat von dem Wert, das Instrument in die Hand nimmt wie ein Ikea-Teil.

-Ihnen liegt die Ausbildung talentierter junger Geiger sehr am Herzen. Wie betreuen Sie den Nachwuchs?

Die Förderung des Nachwuchses steht für mich auf zwei Beinen: zum einen auf dem Bein des Freundeskreises, dem sich das zweite der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung hinzugesellt. Wir fördern weltweit Streichernachwuchs. Wir vergeben zudem Kompositionsaufträge, was ich besonders spannend finde, weil immer noch große Repertoire-Lücken vorhanden sind. Wir beschaffen Instrumente, verleihen diese, suchen Lehrer, stellen Verbindungen her zu großen Kollegen. Das ist Spitzenförderung, die eigentlich keinen Wunsch offen lassen sollte.

-Wie bewerten Sie den Streichernachwuchs? Ist eine neue Anne- Sophie Mutter in Sicht?

Es kann ja nicht Sinn und Zweck der Kunst sein, dass wir versuchen, Klone heranzubilden. Es gibt eine große Fülle an Streichern, vielleicht mehr als in den Jahren zuvor. Ich erinnere mich nicht, dass es je so viele junge Geigerinnen gegeben hätte. Ich wünsche mir, dass wir wieder eine Generation von Musikern ausbilden, die Individualität des musikalischen Ausdrucks und Verantwortungsbewusstsein gegenüber modernem Repertoire, aber auch ein soziales Gewissen mitbringt. Musiker sein bedeutet für mich nicht, brillant zu spielen, sondern eine Verantwortung zu übernehmen und einen Teil dessen, was Lehrer Gutes an mir getan haben, an die Gesellschaft zurückzugeben.

-Was bedeutet vor dem Hintergrund Ihrer oft langen Abwesenheit von zu Hause für Sie Heimat?

Heimat ist für mich primär immer da, wo meine Kinder sind. Heimat kann für mich in San Francisco sein, wenn meine Kinder da sind. Heimat sind die Augen meiner Kinder, und so ist meine Heimat überall da, wo die beiden mich begleiten. Schon ein Gedanke an sie ist ein Stück Heimat. Ich lebe gerne in München. Es ist die Nähe zu den Bergen, zu den Seen. Es ist die Mitte Europas. Es ist die Offenheit, die mich an Bayern reizt, es ist die Natürlichkeit, die Direktheit der Menschen, ihre Kunstsinnigkeit. Ich liebe die Museen in München, nicht umsonst habe ich mich ja am Bau der Pinakothek der Moderne aktivst beteiligt. Und wir sind eine der Städte in Deutschland, die über die besten Orchester und Dirigenten verfügen.

-Musizieren Sie mit Ihren Kindern?

Wir haben viel zusammen gesungen, die ersten acht Jahre gehörte das zum abendlichen Ritus. Sie spielen Instrumente und haben Privatunterricht. Wir musizieren selten zusammen, weil das Haus schon so voll ist mit Musik, dass man dann, wenn man sich außerhalb dieser Insel befindet, andere Dinge macht. Meine Tochter ist leidenschaftliche Tänzerin. Und mein Sohn - ich weiß nicht, ob er eine Sportkarriere anstrebt, ihm macht das viel Freude. Nicht Berufsmusiker. Ein Wahnsinniger in der Familie reicht.

Das Gespräch führte Paul Winterer

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