Handstand vor den Medicis

- Münchner Künstler sucht man auf der 51. Biennale di Venezia, die ab Sonntag geöffnet hat, vergebens: Ob in den Giardini, wo sich im Deutschen Pavillon zwei in Berlin wohnende Künstler tummeln, ob in der dortigen Ausstellung im Zentralpavillon, "Kunsterfahrung", von María de Corral, ob im Arsenale, wo Rosa Martínez "immer ein bisschen weiter" kuratierte. Und dann steht man plötzlich vor Thomas Loibl vom Bayerischen Staatsschauspiel, der sich in John Bocks "Zero Hero" in einem wüsten Bühnenbild zwischen Strickstrumpfgedärmen und Verwurstungsmaschinen an Verdauungsproblemen abarbeitet: nicht im Theater im Haus der Kunst, sondern in der Seilerei des Arsenale. Bayern ist also doch dabei.

<P>Beziehungen zu anderen Künsten oder eben zu soziopolitischen Gegebenheiten stellen viele Künstler der Länderpavillons her. Wobei der nationale Aspekt unwichtig geworden ist. Erkennbar ist das am Niveau der Arbeiten in den Pavillons und den beiden von den spanischen Direktorinnen konzipierten Expositionen. Cum grano salis ist es das Gleiche. Installationen, Fotos und Videos haben die Oberhand. Die vom Kunstmarkt gepushte Malerei ist zurückhaltend vertreten.<BR><BR>Bei den Altmeistern Gilbert und George (Großbritannien) sowie Ed Ruscha (USA) gibt es nichts zu diskutieren. Diese "Klassiker" bleiben bei ihrem Stil. Überbordend die Engländer mit Tableaus, die in ihrer Leuchtkraft an bunte Kirchenfenster erinnern und in ihrer Ornamentierungsopulenz an den Jugendstil. Knapp der Amerikaner. Unter wolkige Himmel setzt er lakonische Architekturzitate, die den Wandel von den 90er-Jahren zu heute dokumentieren sollen. Das ist so "minimalistisch", dass am Eingang jedem Besucher ein Infoblatt in die Hand gedrückt werden muss.<BR><BR>Richtige Baukunst aber bietet Hans Schabus mit dem österreichischen Pavillon. Josef Hoffmanns elegantes Gebäude der Klassischen Moderne ist unter einem Gebirge aus grauer Dachpappe verschwunden - bis auf ein kleines Eck. Im Innern tut sich eine fabelhafte Dachstuhlarchitektur samt Holzduft auf. In diesem Labyrinth aus Balken darf man herumsteigen, bis man den Gipfel erklommen hat und durch eine Luke einen wunderschönen Rundumblick genießen kann. Dieser Pavillon hätte den Preis-Löwen der Biennale verdient, zumal jeder zum Bestandteil des Werks wird und nicht bloßer Betrachter bleibt.<BR><BR>Für Holz hat auch Guy Ben Ner (Israel) viel übrig: Aus Möbeln hat er sich einen veritablen Baum plus Baumhaus gebaut. Per Video zeigt er uns, wie daraus wieder Schaukelstuhl und Sonnenschirm werden.<BR><BR>Kunst, Sport, Wirtschaft, Politik</P><P>Verwandlungen interessieren ebenfalls Annette Messager (Frankreich). Mit einem gigantischen, sich ständig wellenden roten Tuch - Meer, Zunge, Blutstrom - erzählt sie geheimnisvolle Geschichten von Urwelttieren, untergegangenen Städten und Alpträumen.<BR><BR>Wobei man wieder beim Theaterzauber wäre. Den verschmäht auch der Ungar Balázs Kicsiny nicht; zum Beispiel mit seinem Reisenden, dessen Kopf mit dicken Eisenketten vollkommen umwickelt ist. Daneben findet sich in den Pavillons auch allerhand Belangloses. Peinliche Schlamm-Mythen werden bei den Isländern geboten. Mindestens so schwach sind der Filmversuch im niederländischen Haus oder die geschnitzten Stillleben im australischen. Wie man viele Künstler gut präsentiert, beweisen die Koreaner (15!), die zu einer surrealen Schau antreten und die Schweizer (4). Überzeugend vor allem Marco Poloni und Shahryar Nashat. Ersterer erzählt in einer Fotoserie von einem Geschäftsmann - Flugzeug, Geliebte, Militärs. Der andere zieht in den Louvre. Dort wird vor dem Maria-de-Medici-Zyklus von Rubens nicht der Auf-, aber der Handstand geprobt. Womit Kunst, Sport, Wirtschaft und Politik vereint wären. Theatralisch ist das oftmals - auch ohne das Bayerische Staatsschauspiel.</P>

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