Hang zum Erzählen

- Dem großen Lesepublikum war Thomas Lang bisher ein Unbekannter. Am Sonntag hat der 38-Jährige den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Jetzt erwischt man den Wahlmünchner, der in Nordrhein-Westfalen geboren wurde, gerade mal auf dem Sprung nach Wien. Lang studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main und arbeitet als Journalist für Computerzeitschriften und Sachbuchlektor. In Klagenfurt überzeugte er mit der Erzählung "Am Seil", einem Text über einen Sohn, der dem gehbehinderten Vater eine Leiter hinauf und womöglich in den Tod helfen soll (wir berichteten). Lang liest am 6.7. im Münchner Literaturhaus.

Einer Ihrer ersten Texte hieß "Selbst (Ohne Titel)", es gab auch eine "Literarische 1-Mann-Peepshow". Ein eher experimenteller Schreibbeginn?

Lang: Meine ersten Texte stammen aus der Zeit, als ich an der kleinen Literaturzeitschrift "Gegenstand" mitarbeitete, und hatten teils keine Titel. Sie sind mir damals experimentell erschienen, waren aber keine konkrete Poesie oder ungewöhnliche Gebilde. Der Hang zum Erzählen war doch immer da. Die "Literarische 1-Mann-Peep-Show" war eine Aktion mit einem Freund: Ich habe in einem Peep-Show-Kasten geschrieben, wenn man eine Mark eingeworfen hat. Es hat Spaß gemacht, damit etwas über den Rand hinaus zu schauen, aber dafür war zuletzt keine Zeit mehr.

Wie haben Sie mit dem Schreiben angefangen? Plötzlich, allmählich, planmäßig . . .?

Lang: Ich habe mit zehn, elf Jahren angefangen, natürlich auf einer kindlichen, jugendlichen Ebene. Das hat sich manifestiert gegen Ende der Schulzeit.

Woher kamen erste Ermutigungen?

Lang: Die kamen von Freunden und mit den ersten kleinen Anfängen in dieser selbstgestrickten Literaturzeitschrift. Die erste richtige Anerkennung gab es 2002 mit meinem Roman "Than", bis dahin galt es, eine lange Strecke durchzuhalten . . .

War Klagenfurt also ein lang gehegter Traum?

Lang: Es war vor allem unvorstellbar, ganz weit weg. Als ich 1999 am Literaturkurs in Klagenfurt teilnehmen konnte, habe ich mir den Wettbewerb genauer angesehen, und er ist dadurch näher gerückt. Es wurde etwas vorstellbarer, bei einem so renommierten Preis lesen zu dürfen.

Waren Sie sehr aufgeregt?

Lang: Ja, ich habe erst spät, am Samstag, gelesen. Die Tage davor war ich viel nervöser. Beim Lesen überwog die Freude. Die anschließende Diskussion war entspannt. Sie ist ja auch gut gelaufen.

Wie sehen Sie sich im Verhältnis zu früheren Preisträgern? Gibt es eine Linie?

Lang: Schwierig. Es gibt ja Versuche von Feuilletons, einen "Relevanten Realismus" bei den Bachmann-Preisträgern auszurufen. Ich sehe es eher so, dass ich meinen individuellen Weg suche.

Verraten Sie, woran Sie aktuell arbeiten?

Lang: Der Stoffkreis zu "Am Seil" beschäftigt mich noch weiter. Und ich freue mich, mit dem Preisgeld ein größeres Romanprojekt angehen zu können. Aber es ist noch zu früh, darüber etwas zu sagen. Nur so viel: Es wird eine Art Liebesgeschichte.

Wie hat es Sie denn nach München verschlagen?

Lang: Meine Frau hat hier studiert, und so kam ich nach dem Studium nach München. Nun sind wir hier mit zwei Kindern gut verankert.

Was wird sich durch den Preis für Sie ändern?

Lang: Ich hoffe, gar nicht so viel. Dass der Druck wächst, erwarte ich schon, aber es ist ja alles noch ganz frisch, und die Aufregung wird sich legen. Ich hoffe nur, dass keine Schreibblockade einsetzt. Es könnte genauso gut ein Produktionsschub kommen!

Sie halten sich als Journalist für Computerzeitschriften über Wasser. Ist das ein Kontrapunkt zum künstlerischen Schaffen?

Lang: Nein, und ich hoffe, dass ich diese Arbeit ein wenig reduzieren und mehr schreiben kann. Aber um vom Schreiben zu leben, dafür reicht es einfach noch nicht.

Das Gespräch führte Christine Diller.

Eine lange Strecke galt es durchzuhalten, bis Thomas Lang am Sonntag den Bachmannpreis in Klagenfurt gewann. Foto: ap

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