Von wegen Ruhestand: Hannes Wader hat ein unglaublich starkes Album veröffentlicht.

Waders neues Album „Nah dran“

München - Was für ein Alterswerk! Hannes Wader, der Übervater der deutschen Liedermacher-Szene, ist vor kurzem 70 Jahre alt geworden. Nach sechs Jahren Veröffentlichungspause hat er jetzt mit „Nah dran“ ein neues Album herausgebracht.

Dieses klingt jedoch alles andere als altbacken. Vielmehr erinnert die Platte dank ausgezeichneter Country- und Rock-Arrangements sowie der detailverliebten und trotzdem glasklaren Produktion an Johnny Cashs „American Recordings“. Auch weil inzwischen Waders früher etwas zu wandervogelhaft-jugendliches Timbre brüchig geworden ist und den Songs ein sanftes Bluesfeeling verleiht. Kurz: „Nah dran“ hat das Zeug zum Klassiker.

Die Titel, viele davon waren bei Waders Konzerten der vergangenen Jahre bereits Teil seines Repertoires, bilden eine Art Bilanz seines musikalischen Schaffens: Als Reminiszenz an seine Folk-Wurzeln hat Hannes Wader „Turn, Turn, Turn“ neu eingedeutscht. Die Hammond-Rockfassung hat aber mehr mit der Version der Byrds als mit Pete Seeger zu tun.

Joseph Kosmas und Jacques Préverts Klassiker „Les feuilles mortes“, auch in einer deutschen Fassung, verweist auf Waders Wurzeln im französischen Chanson. Gerade in seiner Frühzeit war Georges Brassens einer der wichtigsten Impulsgeber für ihn. Das treibende und hochenergetisch arrangierte „Boulevard St. Germain“ steht dagegen für Hannes Waders politisches Engagement: Er verarbeitet darin die Bekanntschaft mit Peter Gingold, einem deutschen Juden, der für die Resistance kämpfte. Nur durch einen gewagten Sprung in ein Haustor an der titelgebenden Pariser Straße konnte Gingold den Häschern der Gestapo entkommen – und hat in den Folgejahren trotz Folter und Verfolgung den Glauben an die Menschheit nicht verloren.

Der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker, mit dem Wader zuletzt gemeinsam durch die Republik tourte, hat ein Gedicht des katholischen Priesters und Lyrikers Lothar Zenetti entdeckt, der für das katholische Gotteslob zahlreiche moderne Liedtexte geschrieben hat. In Hannes Waders zurückhaltender Interpretation bekommt „Was keiner wagt“, ein Aufruf zu zivilem Ungehorsam und Widerstand, nun volksliedhafte Qualitäten.

„Alter Freund“, dem im vergangenen Jahr verstorbenen Franz Josef Degenhardt gewidmet, ist eine in ihrer Einfachheit bildgewaltige und berührende Meditation über Werden und Vergehen anlässlich des Fällens eines alten und des Pflanzens eines jungen Baums. In der Ballade „Der Drache“, einem der stärksten Stücke dieser Platte, zeigt sich Wader als vollendeter Poet. Der liebevolle Umgang eines Vaters mit seinem Sohn, die vor Waders Fenster einen Drachen steigen lassen, erinnert ihn an die eigene Kindheit, an das Fehlen von derart innigen Momenten: „Ich bin ein bisschen neidisch, aber nicht sehr, dafür ist das alles schon zu lange her.“ Selbstreflexive Weinerlichkeit ist Waders Sache eben nicht.

Der Titelsong beschreibt nicht etwa die Nähe zum Tod, sondern – mit Sicherheit nicht sehr autobiografisch – einen Mann, der notorisches Pech bei Frauen hat. Und dabei an Tussis wie Uschi gerät, die Waders größten Hit „Heute hier, morgen dort“ Reinhard Mey zuordnet und dem in ihrem Garten Minne treibenden Sänger den Hund auf den Hals hetzt. Im „Lied vom Tod“, einem Talking Blues, beackert Wader dagegen die Möglichkeiten eines würdevollen Ablebens. Soll er es wie Gunter Sachs machen oder Familie und Pflegepersonal belasten? Soll er ein Pilgergrab bekommen wie Jim Morrison oder die Fans in Frieden lassen? Wader will sich nicht festlegen. Noch nicht. Gut vorstellen könnte er sich allerdings, auf dem Sterbebett der NPD beizutreten, einfach nur, damit „einer von diesen rechtsradikalen Schweinehunden“ stirbt und nicht ein „aufrechter, linker Demokrat“.

Doch das sei Zukunftsmusik. Möge Hannes Wader uns bitte noch sehr lange erhalten bleiben.

Hannes Wader: „Nah dran“ (Mercury/ Universal).

Albert Meisl

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