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Hanns-Josef Ortheil wird 70: Das Leben – ein Roman

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus der ARD-Dokumentation zum 70. Geburtstag von Hanns-Josef Ortheil.
„Ich bin immer noch das Kind, das schreibt“, sagt Hanns-Josef Ortheil im ARD-Film zu seinem 70. Geburtstag. © ARD Mediathek/SWR

Hanns-Josef Ortheil hat bislang mehr als 70 Bücher veröffentlicht. Zu seinem 70. Geburtstag am 5. November 2021 erscheint sein neuer Roman „Ombra“.

Zu schreiben, das kann eine Selbstermächtigung sein. Im Wortsinn: Dem eigenen Ich die Hoheit über sein Dasein (zurück-)zugeben. Bei Hanns-Josef Ortheil trifft das wohl zu. Als er Kind war, verstummte seine Mutter für mehrere Jahre; es war ihre Reaktion auf den Verlust ihrer vier Söhne. Der fünfte, Hanns-Josef, wuchs mit einer Mama auf, die nicht sprach – und blieb selbst stumm.

„Ich habe ein Leben wie meine Mutter geführt, still, ohne Sprache“, schreibt Ortheil in seinem neuen Roman „Ombra“. Mit sieben sagte er den ersten Satz.

Hanns-Josef Ortheil sprach als Kind nicht

Die Musik – Klavierunterricht –, vor allem das Schreiben, das sein Vater spielerisch mit ihm trainierte, führten den kölsche Jung aus der Stille heraus und gaben ihm die Möglichkeit, am Leben teilzunehmen. Mehr noch: es zu gestalten. „Ich bin in meiner Geschichte der Herr im Haus“, notierte der Autor im Jahr 2015 in „Der Stift und das Papier“.

Es ist Ortheils vielleicht schönster Roman, mit Sicherheit ist es jener, der am meisten berührt. Aber wer kann das schon genau sagen? Mehr als 70 Bücher hat er bislang veröffentlicht, über deren Entstehung er im soeben erschienenen Gesprächsband „Ein Kosmos der Schrift“ kurzweilig Auskunft gibt.

München: Hanns-Josef Ortheil liest am 25. Januar 2022 im Literaturhaus

Heute feiert Ortheil seinen 70. Geburtstag. Ein Jubiläum, das er um Haaresbreite nicht erlebt hätte. 2019 wird bei ihm eine schwere Herzinsuffizienz diagnostiziert, nachdem er Warnzeichen lange ignoriert hat. Eine OP rettet ihn, doch kommt es zu Komplikationen: Der Autor liegt tagelang im Koma, ist dem Tod näher als dem Leben. Doch Letzteres obsiegt, in der Reha wird Ortheil für den Alltag fit gemacht. Davon berichtet er in „Ombra“: Lakonisch, genau beobachtend, sehr bewusst die Worte wählend und ohne Pathos – wie ihn seine Leserinnen und Leser seit Jahren kennen. Leider wird Ortheil nicht beim Literaturfest München auftreten, sondern erst am 25. Januar in München lesen.

Hanns-Josef Ortheil schrieb den „Roman einer Wiedergeburt“

Im Italienischen ist „Ombra“ das Wort für „Schatten“, kann auch „Verdüsterung“, „Argwohn“, „Zweifel“ bedeuten. Das alles treibt den Ich-Erzähler, der spürt, dass der Körper die Herrschaft übernommen hat und ein Verhandlungspartner ohne Erbarmen ist. Doch Ortheil nennt das Werk „Roman einer Wiedergeburt“, denn er stellt fest, dass die Krankheit eben doch „keine zufällige, lästige oder bedrohliche Geschichte, sondern ein fundamentaler Halt“ sei: „Sie hat mich ereilt, um mich zu zwingen, mein Leben neu zu verstehen.“ Lesenswert, ihm dabei zu folgen.

Informationen zu den Büchern:

Hanns-Josef Ortheil: „Ombra“. Luchterhand, München, 304 Seiten; 24 Euro.

Imma Klemm (Hrsg.): „Ein Kosmos der Schrift“. BTB, München, 362 Seiten; 12 Euro.

Lesen Sie hier auch unsere Kritik zu Ferdinand von Schirachs „Jeder Mensch“.

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