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Allein für seine Gedichte hat Hans Magnus Enzensberger einen Lorbeerkranz verdient.

Hans Magnus Enzensberger: Der intellektuelle Spitzbube

München - Heute feiert Hans Magnus Enzensberger seinen 80. Geburtstag – Sein Werk zeichnet spielerische Behändigkeit aus.

Oft gilt es nur als freundliche Schmeichelei, wenn man Jubilaren im höheren Alter bestätigt, sie sähen „viel jünger“ aus. Bei Hans Magnus Enzensberger hingegen, der heute 80 wird, ist das die reine Wahrheit. Denn dieser Klassenprimus unter den deutschen Dichtern und Denkern der Gegenwart wirkt nicht nur äußerlich wie ein ewiger Gymnasiast. Er hat sich auch geistig eine solche Beweglichkeit, Leichtigkeit und Eleganz bewahrt, dass er einem mit seinem spitzbübischen Lächeln manchmal vorkommt wie der Luftgeist aus einem Shakespeare-Stück.

Vielleicht ist es ja kein Zufall, wenn Enzensbergers neuere Gedichtbände Titel tragen wie „Leichter als Luft“ oder „Die Geschichte der Wolken“. Als Luftikus kann man Deutschlands weltberühmten Vorzeige-Intellektuellen trotzdem nicht bezeichnen: Brillanz und spielerische Behändigkeit paaren sich bei „HME“ immer mit künstlerischem Ernst und messerscharfem Verstand.

Das zeigte schon sein erster Gedichtband „Verteidigung der Wölfe“ (1957), der im konservativen Kulturklima der frühen Bundesrepublik wie eine Bombe einschlug, standen darin doch Verse wie: „Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne:/sie sind genauer.“ Blitzartig machte das schmale Bändchen, das heute längst als Meilenstein der Literaturgeschichte gilt, den „zornigen jungen Mann“ Enzensberger berühmt, der seither als hellsichtiger Analytiker das Zeitgeschehen auch mit vielbeachteten politischen Essays begleitete, in denen er sich stets über „Mittelmaß und Wahn“ erhebt.

Versuchen der Vereinnahmung hat sich dieser Global Player des Geistes dabei immer konsequent entzogen. Seine sezierende Untersuchung von Kapitalismus und Bewusstseins-Industrie, seine Aktivität in der Studentenbewegung von ‘68 hinderten ihn nicht, nach einem Besuch auf Kuba auch den real existierenden Sozialismus zu kritisieren oder später den ersten Irakkrieg zu befürworten.

Und so vielfältig, so wandlungsfähig wie seine Meinungen sind auch die literarischen Aktivitäten des Postbeamtensohnes aus Kaufbeuren, der in Nürnberg aufwuchs und seit Jahrzehnten in München lebt: Neben Zeitschriften wie „Kursbuch“ oder „Transatlantik“ hat Enzensberger „Die andere Bibliothek“ herausgegeben, er hat, teils unter Pseudonym, Prosa, Dramen, Kinderbücher verfasst und im vergangenen Jahr eine Art Doku-Fiction über den Wehrmachtsgeneral und Widerstandskämpfer Kurt von Hammerstein vorgelegt.

Der wichtigste und bleibende Teil seines Gesamtwerkes, das, wofür Enzensberger wirklich einen Lorbeerkranz verdient hat, sind allerdings seine Gedichte. Bis hin zu seinem jüngsten Lyrikband „Rebus“ (2009) faszinieren sie durch das sanfte Schaukeln der Sätze, jenen aufgeweckten, aber doch manchmal wohlig einlullenden Sound der Dialektik, der im Pendelschlag der Verse die Bewegung des Denkens nachzeichnet. In dieser Dichtung prallt der Durchblicker-Tonfall des Einser-Abiturienten auf die zarte Melancholie, mit der etwa „die Schnee-/flocke auf dem flaumigen Arm einer Frau“ besungen wird.

In der lyrischen Verschränkung von Übertrumpfungs-Attitüde und Verletzlichkeits-Konfession inszeniert dieser Autor das Drama der Aufrichtigkeit in der kalten Welt der Konkurrenz. Und darum sprechen seine Gedichte immer ganz unmittelbar von uns, auch oder gerade, wenn sie bloß von Luft und Wolken handeln.

Bleibt den Lesern also nur die Hoffnung auf viele weitere Werke dieses Autors. Jung genug dafür ist er ja.

Alexander Altmann

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