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Den schroffen Eigensinn Antigones stellt Valery Tscheplanowa virtuos aus, hier eine Szene mit Elisabeth Trissenaar (Frau aus Theben). 

PREMIERENKRITIK

Apparatschik Antigone

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München - Hans Neuenfels erarbeitete fürs Münchner Residenztheater „Antigone“ als intime, gewissenhafte und nie zeitgeistige Inszenierung.

Die Götter. Sie werden beschworen und angefleht an diesem Abend. Gelten den einen als Richter und Retter, werden von den anderen ignoriert, beschimpft, verhöhnt. Was aber machen die Götter, die in diesen zwei pausenlosen Stunden so oft Thema sind? Zwei Statuen, deren bessere Tage längst vorbei sind, stehen in großen Holzkisten auf der Bühne des Residenztheaters, mit Styropor sind die Steinreste bruchsicher verpackt. Die schwarze Truhe davor könnte auch Sitzgelegenheit in einem Ausstellungsraum sein. Gewiss, Thebens neuer Herrscher Kreon richtet sich im Palast gerade erst ein – da ist noch nicht alles am vorgesehenen Platz. Wichtiger ist aber ein anderer Aspekt in Katrin Connans Ausstattung: „Antigone“, uraufgeführt 442 v. Chr., mag in längst vergangenen Zeiten spielen, von denen die antiken Skulpturen künden. Doch was vor diesen verhandelt wird, ist heutig und hochaktuell. Die Götter sind hier Zeugen und Zeugnisse.

Hans Neuenfels, gerade mit dem Deutschen Theaterpreis „Faust“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet, hat in München Sophokles’ Tragödie mit großer Gewissenhaftigkeit inszeniert. Er hat den alten Stoff wohltuend ernst genommen und dennoch Museales gemieden. Stattdessen schürfte der 75-Jährige nach der Bedeutung des Dramas für die Gegenwart, ohne sich dabei dem Zeitgeist anzubiedern. Gefunden hat er eine Frau, die ihren freien Willen nutzt, um zu sterben – und einen Mann, der angesichts der eigenen Entscheidungsfreiheit kläglich versagt, dabei vernichtet, was ihm lieb ist, und dennoch weiterleben muss.

Elisabeth Trissenaar spielt die Frau aus Theben

Der Regisseur und sein Assistent Philipp Lossau haben die „Antigone“ behutsam bearbeitet, vor allem haben sie den Chor gestrichen und durch die Rolle einer Frau aus Theben ersetzt, für die teilweise neue Texte entstanden sind. Elisabeth Trissenaar stattet diese Figur mit großer Achtsamkeit aus, zeigt sie als Vernünftige unter Verblendeten. Diese zurückhaltende Dame, die in ihrem Leben vieles gesehen haben mag, ist Moderatorin und Mediatorin, Kommentatorin und Komplizin.

Der Chor wurde gestrichen - die Intimität steigt

Durch das Weglassen des Chores erhöht Neuenfels die Intimität seiner Inszenierung. Deren Fokus liegt ganz auf Kreon und Antigone, deren Ansichten und Handlungen. Die Regie hört beiden zu. Gleichwohl liegt ihre Sympathie (ebenso wie jene des Autors) bei der jungen Frau, die ihren gefallenen Bruder trotz staatlichen Verbots begräbt. Doch der Regisseur und seine Darsteller vergessen darüber nicht, dass Kreon durchaus ein paar Argumente für seinen Befehl anführen kann – und Antigone zugleich die Grenze zwischen Widerstand und Wahnsinn überschreitet.

Bereits als Rasende, sich selbst nicht schonend, stellt Valery Tscheplanowa ihre Figur vor. Immer wieder schlägt sie zu Beginn ihre Stirn auf den Boden, bevor sie das erste Wort spricht. Später, als Kreons Wächter sie beim Bestattungsversuch ertappt haben und dem Herrscher vorführen, ist Antigone in strenges Schwarz gekleidet, ihr Hemd ist bis zum letzten Knopf am Hals fest geschlossen: ein Apparatschik ihrer Gefühle und Vorstellungen. Kreon – und das belegt, wie durchdacht nicht nur Connan bei der Bühnengestaltung gearbeitet hat, sondern auch Kostümbildnerin Michaela Barth – lässt den obersten Hemdknopf offen. Zu nutzen versteht er diese symbolische Freiheit indes nicht.

Intensive Sprachschlachten der Hauptfiguren

Tscheplanowa stellt virtuos und entschlossen Antigones schroffen Eigensinn aus und treibt sie dem Unglück entgegen. Sie zetert und schreit, faucht und flucht, geht jedoch mit einem Lächeln in den Tod. In all der Zeit blickt sie ihren Widersacher kaum an. Mit Norman Hacker hat die Schauspielerin einen gleichberechtigten Gegenpart. Sein Kreon sucht zunächst noch nach seiner Rolle als Herrscher. Zwar gockelt er gern, doch ist er ebenso unsicher, oft müde und von Albträumen geplagt. Mit Wachsamkeit und Strenge versucht dieser Mann, seine Position (und damit den Staat) zu festigen. Je weiter sich diese beiden Figuren in ihren intensiven Sprachschlachten voneinander entfernen, desto unrettbarer verirren sie sich auf ihrem jeweiligen Weg.

Dabei kündet die Wand im Bühnenhintergrund die ganze Zeit vom Ideal: „Der Krieg ist vorbei“ steht dort in goldenen Lettern. „Das Lied der Vögel könnte beginnen.“ Dieser Teil jedoch im Konjunktiv. „Könnte“ – denn da ist ja immer noch der Mensch, und dem „scheint unabänderliches Ziel gesetzt“, wie es die Frau aus Theben am Ende formuliert. Bevor sie, die eigene Resignation kaum aushaltend, rasch ein „Oder?“ nachschiebt. Langer, freundlicher Applaus.

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