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Der bayerische Rebell Hans Söllner: hat seine Autobiographie geschrieben. Ein wildes Leben zwischen zwei Buchdeckeln.

Liedermacher veröffentlicht heute Autobiographie

Hans Söllners Lebensbeichte: So bin ich geworden, wer ich bin

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München - Liedermacher Hans Söllner, 59, hat Politiker beleidigt und gigantische Strafen zahlen müssen. Nun erscheint seine Autobiographie "Freiheit muss weh tun" - eine Lebensbeichte.

Hans Söllner, das ist der, der seine Dreadlocks vor ein paar Jahren erst abgeschnitten und dann auf Ebay verkauft hat, letztes Gebot: 800 Euro.

Hans Söllner, das ist der, der auf seinen Konzerten Gauweiler, Strauß, Geißler, Stoiber und natürlich Innenminister Beckstein dermaßen beleidigt hat, dass irgendwann Zivilpolizisten Protokolle anfertigten, die später vor Gericht verlesen wurden. Über ein Konzert in Obergünzburg, Ostallgäu, gibt es diesen Mitschrieb: Sie setzten „sich dabei unter anderem mit der Erdentstehung auseinander und äußerten, es sei irgendwann ein großer schwarzer Vogel aus dem Weltall gekommen, hätte einen Haufen fallen lassen und aus diesem Haufen sei der Beckstein entstanden“.

Hans Söllner, das ist der, der in seinem Leben rund 300 000 Euro an Strafen, Gerichts- und Anwaltskosten zahlen musste, alles wegen beleidigender Liedtexte.

Hans Söllner, das ist der, der jetzt seine Autobiografie geschrieben hat. Der Journalist Christian Seiler hat ihm dabei geholfen. Der erste Satz heißt: „Ich war kein Kind, auf das jemand gewartet hat.“ Einer der schönsten Sätze heißt: „Ich war der Beste von denen, die schlecht spielen. Das bin ich bis heute geblieben.“

Eine der aufwühlendsten Passagen in Hans Söllners Buch dreht sich um seinen Vater

"Freiheit muss weh tun" heißt das Buch von Hans Söllner. Es erscheint am Montag, 19. Oktober..

Eine der aufwühlendsten Passagen, das ist die Passage, in der er über seinen Vater spricht, einen jähzornigen Trinker, und über seine kaltherzige Mutter: „Als ich zwölf oder dreizehn war“, schreibt er, „hat mir meine Mutter gesagt, dass sie mich eigentlich abtreiben wollte. Sie war schon beim Doktor gewesen und hatte sich Tabletten geben lassen, damit sie einen Abgang kriegt. Aber mir war es immer egal, ob ich ein Wunschkind bin oder nicht. (...) So hat keiner Erwartungen an mich gehabt, und ich konnte zu dem werden, der ich bin.“

Titel des Buches: „Freiheit muss weh tun“, 320 Seiten, 19,99 Euro. Ein wildes Leben zwischen zwei Buchdeckeln. Eine Heimatgeschichte der anderen Art. Weil es natürlich was über ein Land aussagt, wenn es ein am Heiligen Abend geborener, im Trachtenverein und auch im katholischen Kindergarten gewesener Liedermacher aus dem Berchtesgadener Land schafft, die bayerische Polizei und die Justiz bis aufs Blut zu reizen – und so zu einer Ikone des Protests wird. Zu einer Ein-Mann-Widerstands-Gruppe. Zu einem angriffslustigen Clown auf der Suche nach der boarischen und gleich noch universellen Gerechtigkeit. Weil sich dieser Hans Söllner, Vater von sechs Kindern und Hobby-Radler, über Laubbläser in Bad Reichenhall genauso aufregen kann wie über Fremdenhass, den ausbleibenden Weltfrieden und die CSU im Besonderen. Aber dazu kommen wir gleich noch.

Hans Söllner, das ist der, der seiner Oma erzählt hat, dass er im Garten ein paar Stauden Marihuana angepflanzt hat. Da ist die Oma erschrocken und hat gesagt: „Um Gottes willen, bist du ein Hascher, Bub?“ Dann hat die Oma die Pflanzen angeschaut und hat gesagt: „Geh weida, das ist doch Hanf. Das hat der Opa auch schon immer in die Pfeife getan.“

Hans Söllner war auch Tierpfleger im Tierpark Hellabrunn - bis er Schnee schippen musste

Hans Söllner, das ist der, der erst Koch gelernt hat und später Automechaniker, zwischendrin war er Tierpfleger in Hellabrunn, aber nur für einen Tag. An jenem Tag sollte er Schnee schippen, aber das wollte er nicht.

Hans Söllner, das ist der Rastafari, der bayerische Rebell, der auf manchen Fotos ausschaut wie ein in Würde gealterter Indianer, der schon ein paar Schlachten geschlagen hat, ein bisschen Bart, das Gesicht furchig, der Blick stechend.

Hans Söllner, das ist eine bayerische Geschichte. Eine, in der es um Anarchie geht, um Freiheit, um Heimatliebe und um Wut. Und um ein Arbeiterkind, das auf der Bühne landet, berühmt wird, fast so berühmt wie Franz Beckenbauer. Jeder Bayer, da runden wir jetzt mal mutig auf, kennt sein bekanntestes Lied, sogar auf der Wiesn spielen sie es rauf und runter. „Mei Voda hod an Marihuanabaam/ seiddem is der Typ wieda völlig normal/ mei Voda raucht jedn Dog an Eima voi Shit/ und i ois brava Bua/ i rauch natürlich mid“.

Hans Söllner, das ist Bayerns grantigster Sohn. Manche sagen, er ist eine Zumutung. Hans Dampf, der ewige Kiffer. Andere vergöttern ihn. Für sie – und das ist jetzt ausschließlich positiv gemeint – ist er Hans Dampf, der ewige Einmischer. Der immer einen kleinen Wutausbruch parat hat, wenn eine Ungerechtigkeit aufzieht. Seine Fans lassen sich von ihm die Welt und den weiß-blauen Himmel deuten, auf Facebook folgen ihm 215 000 Menschen. Seine Konzerte sind auch nach über drei Jahrzehnten ausverkauft, so lange ist er schon im Geschäft. Bühnenjubiläum: 1979 in der Kleinkunstbühne Robinson in München. Gage: ein Teller Schinkennudeln und eine Cola. Wie kein anderer tingelt er seitdem über die Dörfer und Kleinstädte, große Hallen mag er nicht. Wie ein Wanderprediger, wie ein Geschichtenerzähler aus längst vergangenen Tagen, der die selben 20 Anekdoten seit 20 Jahren so erzählt, dass man jedes Mal wieder lachen muss. Im Publikum: ein paar verstrahlte Kiffer, ansonsten ganz normale Leute, jedes Alter, jeder Beruf.

Hochdeutsch kommt Hans Söllner nicht über die Lippen

Natürlich singt er auch, immer auf Bairisch. Hochdeutsch kommt ihm nie nicht über die Lippen. Manche seiner Lieder sind längst kleine bayerische Hymnen, die die Landjugend genauso auswendig kann wie der Studienrat in der Stadt – „Edeltraud“ oder „A Drecksau is a Drecksau“, eine wilde Abbrechung mit bösen Politikern. Denn in diesem oberbayerischen Sänger steckt eine kaum zu bändigende Lust am Streit und an manchmal arg ordinären Sprüchen. Hans Söllner legt sich mit den Großkopferten an, er legt sich manchmal auf so absurde, dickköpfige Weise mit ihnen an, dass jeder weiß: Das gibt jetzt wieder eins auf die Mütze.

Einmal, als er wegen des Besitzes von Marihuana mal wieder vor Gericht stand, hat er großflächig Plakate aufgehängt, um seine Fans zur Verhandlung einzuladen. „Söllner vor Gericht, Amtsgericht Laufen, 13. November 2001“, das hing überall im Berchtesgadener Land. Der Gerichtssaal war danach voll mit Fans – und die bayerische Justiz sehr genervt. Der Richter verurteilte den Liedermacher zu 3000 Euro Strafe. Später folgte noch ein weiteres Verfahren: wegen Verstoßes gegen die Plakatierverordnung im Berchtesgadener Land. Das war die Rache.

Dem Autor dieser Zeilen hat er mal erzählt, dass er einem Richter, der ihm eine besonders saftige Strafe aufgebrummt hat, noch heute aus jedem Urlaub eine Postkarte schreibe. Typischer Söllner-Humor. Soll der Richter doch sehen, wo dieser nichtsnutzige Hallodri gerade wieder am Traumstrand liegt.

Bei einer Verhandlung, es ging mal wieder um Beleidigungen, wollte Hans Söllner den Gerichtssaal vorzeitig verlassen. Der Richter war dagegen, hinter ihm hing ein Kruzifix. Da hat der Musiker gesagt: „Wollen sie mich da an die Wand nageln wie den anderen Langhaarigen?“ Dann ist er gegangen.

Bei einem seiner ersten Fernseh-Interviews im Bayerischen Rundfunk hat er sich mit seiner Plattenfirma angelegt, die schlampte, was den Plattenverkauf angeht. Der Moderator fragte Hans Söllner, damals noch ein Geheimtipp, wo man seine Platten kaufen könne. Der junge Sänger antwortete: „Weiß ich auch nicht. Weil meine Vertriebsfirma, die Ariola heißt, das sind lauter Penner. Deswegen gibt’s die Platte auch nirgends.“ Ariola warf Hans Söllner danach raus. Und der BR sendete für Jahrzehnte kein Interview mehr mit ihm.

Heute ist Hans Söllner ein bisschen braver geworden - aber nur ein bisschen

Und heute? Da ist er ein bisschen braver geworden, aber nur ein bisschen. Er weiß inzwischen, wie weit er gehen darf. Die Zeit der Prozesse und der Hausdurchungen wegen ein paar Gramm Marihuana ist vorbei. Er wird zu Talkshows eingeladen, und im Bayerischen Fernsehen laufen nachdenkliche Porträts über ihn, bei denen er seine Bienenzucht zeigt und weiter die Freigabe von Cannabis fordert, aber das macht inzwischen schon die FDP. Die Zeiten, sie haben sich geändert. In seinem Buch schreibt er. „Vielleicht bin ich heute ein moderner Hofnarr. Ich kann über das Rauchen reden, wo ich will. (...) Ich bin der Hofnarr, der seinem König sagen darf: ,Meine Güte, was bist du für eine fette, blöde Sau‘.“

Wo Hans Söllner draufsteht, da ist zumindest ein Mini-Eklat nicht weit. Das gilt heute noch. Letzte Woche wollte er in Wallgau im gemeindeeigenen „Haus des Gastes“ auftreten. Die Karten waren schon verkauft, doch die Gemeinde hat ihn wieder ausgeladen. Während des G7-Gipfels hatte er auf Facebook über das Dorf im Kreis Garmisch-Partenkirchen geschimpft: „Merkt ihr nicht, dass ihr hier als Deppen vorgeführt werdet? Die ganze Welt lacht über dieses Eingeborenen-Spektakel.“ Zu Wallgau gehört der Ortsteil Krün, Obama hat hier medienwirksam ein Weißbier in die Kameras gereckt, umrahmt von Einheimischen in Sonntagstracht.

Der örtliche CSU-Bürgermeister hat das Auftrittsverbot so begründet: „Auf der einen Seite lassen wir uns als Deppen und Nazis beschimpfen, auf der anderen Seite will er bei uns Reibach machen.“ Die alten Reflexe funktionieren noch immer. Nicht jeder hat Sympathie für den Hofnarren, muss man ja auch nicht haben. Aber eines ist auch klar: In 50 Jahren wird man noch über diesen verwegenen Mann sprechen. Weil bei Revoluzzern ist es wie bei Heiligen: Irgendwann gehören sie dazu, in diesem Fall zu Bayern.

Tipp

Hans Söllner stellt sein Buch am Montag, 19. Oktober, um 20 Uhr im Münchner Volkstheater vor.

Stefan Sessler

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