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Hans Zimmer: Auf seiner Tournee, die ihn am 26. April nach München führen wird, spielt er seine populären Filmmusiken.

Porträt zur Tournee

Hans Zimmer - Meister der Filmmusik

London - Hans Zimmer hat für Filme wie "Der König der Löwen" und "Gladiator" die Musik geschrieben. Im Rahmen seiner Tournee kommt er im April in die Münchner Olympiahalle. Wir haben ihn vorab in London getroffen.

Wenn man ihn nach seiner musikalischen Ausbildung fragt, antwortet er trocken: „Als Kind hatte ich mal zwei Wochen Klavierunterricht. Und schon das war eine Woche zu lang.“ Disziplin sei nie seine Stärke gewesen, weshalb er auch mehrmals von der Schule geflogen sei. „Aber ich wollte schon immer Musik machen“, betont Hans Zimmer. „Und als ich mit zwölf Jahren verbotenerweise ,Spiel mir das Lied vom Tod‘ sah und Ennio Morricones Soundtrack hörte, stand mein Berufswunsch fest.“ Der kühne Traum des Frankfurter Buben wurde tatsächlich wahr: Heute gilt der 58-Jährige als erfolgreichster Filmkomponist der Welt.

Nach seinem Schulabschluss auf einem englischen Internat spielte er zunächst in diversen Londoner Pop-Bands; im ersten Musikvideo, das je bei MTV lief („Video killed the Radio Star“ von den Buggles), ist er als Keyboarder zu sehen. Sein Geld verdiente er als Autor von Werbe-Jingles, bis er schließlich Assistent des Filmkomponisten Stanley Myers wurde. „Er brachte mir alles über Film und Orchestrierung bei“, schwärmt Zimmer. „Er ließ mich die Musik zu einzelnen Szenen schreiben und nahm mich mit zu sämtlichen Meetings mit den Regisseuren, ohne ihnen zu verraten, welche Teile ich verbrochen hatte. Anfangs ging das immer schief: Sie liebten alles, was er komponiert hatte, und hassten alles, was von mir stammte.“

Doch schon bald hatte der junge Deutsche den Bogen raus und übernahm eigene Filmmusik-Aufträge. Den Sprung über den großen Teich verdankt er der Frau des Regisseurs Barry Levinson: Sie liebte Zimmers Soundtrack zu Chris Menges’ Apartheid-Drama „Zwei Welten“, besorgte sich die CD und begeisterte ihren Mann dafür, der kurz darauf zu Interviews für seinen Film „Good Morning, Vietnam“ nach England reiste. „Und so kam es“, erinnert sich Zimmer, „dass eines Abends um 23 Uhr ein Herr an meiner schäbigen Londoner Studiotür klopfte und sagte: ,Hallo, ich bin Barry Levinson, Filmemacher aus Hollywood.‘ Ich glaubte ihm kein Wort, bis ich hinter ihm zwei riesige Limousinen erblickte, die sich in die enge Gasse gezwängt hatten. Da dachte ich: „Oh, vielleicht sagt der Kerl ja doch die Wahrheit!“

Für "Rain Man" gab es die erste Oscar-Nominierung

Levinson heuerte ihn für den „Rain Man“-Soundtrack an – und prompt bekam Zimmer dafür seine erste von bislang zehn Oscar-Nominierungen. Gewonnen hat er die Trophäe 1995 für seine Musik zu dem Disneyfilm „Der König der Löwen“. Diesen Job habe er ursprünglich nur angenommen, um seine damals sechsjährige Tochter zu beeindrucken und sie endlich einmal zu einer Filmpremiere mitnehmen zu können. „Zuerst konnte ich mit diesen Zeichentrick-Tierchen gar nichts anfangen“, gibt er zu. „Doch dann merkte ich plötzlich, dass es in dem Film um ein Kind geht, das seinen Vater verliert. Mein eigener Vater starb, als ich sechs war – und ich hatte diesen Verlust nie richtig verarbeitet. So wurde meine Musik zu einem Requiem für ihn.“

Bei „Der König der Löwen“ arbeitete Zimmer erstmals mit dem schwarzen Sänger und Komponisten Lebo M zusammen, einem politischen Flüchtling aus Südafrika, der sich in Los Angeles als Autowäscher durchschlug. Seine Stimme ist in der berühmten Eröffnungssequenz des Films zu hören, und von ihm stammen auch die Zulu-Liedtexte. „Das sind in Wahrheit wütende Anti-Apartheid-Songs“, erläutert Zimmer, „nach dem Motto: ,Ihr weißen Besatzer, gebt uns unser Land zurück!‘ Aber als die Disney-Rechtsabteilung uns um eine Übersetzung der Zulu-Verse bat, schickten wir ihnen lauter harmlose Texte – zum Beispiel: ,Wie schön blühen wieder die Blumen!‘“

"Ich bin wie ein starker Espresso"

Hans zimmerte einen erfolgreichen Soundtrack nach dem anderen: Dank seiner innovativen Kombination aus Orchester-, Synthesizer- und Ethno-Klängen gehörte er bald zur Top-Riege der Hollywood-Komponisten. Besonders wichtig war ihm dabei stets eine enge persönliche Bindung zu den Regisseuren. Bereits sieben Filme vertonte er für Ridley Scott, jeweils sechs für Christopher Nolan, Gore Verbinski und Ron Howard. „Als ich wegen ,Interstellar‘ Ron Howards ,Im Herzen der See‘ nicht machen konnte, habe ich ihm meinen Kollegen Roque Baños empfohlen“, erzählt er. „Ich sagte zu Ron: ,Du darfst mit ihm fremdgehen, aber du darfst dich nicht in ihn verlieben!‘“

Zu Beginn eines jeden Projekts spreche er zwei bis drei Wochen lang täglich mit dem Filmemacher über dessen Intentionen, die Filmfiguren, den Rhythmus der Szenen usw. „Danach zieht der Regisseur monatelang in die Schlacht – zu den Dreharbeiten, von denen er todmüde, grau und abgekämpft zurückkehrt“, konstatiert der Komponist. „Meine erste Aufgabe ist es dann, ihn daran zu erinnern, warum er den Film überhaupt drehen wollte. Ich bin wie ein starker Espresso, der ihn wieder wachrüttelt.“

Es mache ihm nichts aus, in dieser Phase das Kindermädchen für den Regisseur zu spielen, versichert Zimmer. „Denn unser Verhältnis kehrt sich kurze Zeit später um, wenn ich ihn frustriert anrufe, weil mir partout nichts einfällt!“ Sobald er eine brauchbare Melodie gefunden habe, gehe alles recht fix – doch bis dahin vergingen oft viele zermürbende Wochen, in denen er nur Schrott zustande bringe. „Eigentlich ist es ein dämlicher Job“, seufzt er. „Ich fühle mich manchmal wie ein Koch, der wochenlang bloß Kartoffeln und Rüben schält und an irgendwelchen Zutaten schnuppert – und zehn Minuten vorm Eintreffen der Gäste alles in einen Topf wirft.“

Bei „The Rock“ habe er kurz vor dem Abgabetermin in seiner Verzweiflung an einem Abend eine ganze Flasche Barolo ausgetrunken: „Dann war plötzlich die Melodie da.“ Die Orchestrierung habe er allerdings auf den nächsten Tag verschieben müssen. „Das war aber das einzige Mal, dass ich betrunken komponiert habe“, fügt der Maestro eilig hinzu. „Schließlich will ich ja, dass ich selbst die Urheberrechte an meinen musikalischen Themen besitze – und nicht etwa irgendein Weingut.“

Mittlerweile ist seine Musik in mehr als 150 Filmen zu hören. Doch er könne nur komponieren, wenn er einen persönlichen Bezug zu der Geschichte habe, meint Zimmer: „Bei jedem Film verwandle ich mich automatisch in den Protagonisten. So bin ich bei ,Gladiator‘, ohne es zu merken, zu einem martialischen Macho mutiert. Als ich meiner Frau stolz den fertigen Film präsentierte, meinte sie bloß: ,Jetzt weiß ich wenigstens, warum du in den letzten Wochen so ein Ekel warst!‘“

Zimmer spricht manchmal ein Gemisch aus Deutsch und Englisch

Seit 25 Jahren residiert er in L.A.; im Gespräch verfällt er bisweilen in ein lustiges Gemisch aus Deutsch und Englisch. Auf die Frage, wonach er seine Projekte auswähle, erwidert er: „Wenn es nach einem tollen Abenteuer riecht, kann ich nicht nein sagen.“ Nun stürzt er sich in ein neues Abenteuer – zum ersten Mal präsentiert er seine Filmmusik auf einer Tournee, die ihn im Frühjahr in 14 europäische Länder führt. Er wagt das, obwohl er seit jeher unter fürchterlichem Lampenfieber leidet, was er bei zwei Test-Auftritten in London wieder zu spüren bekam. „Nachdem das erste Konzert ein Riesenerfolg war, dachte ich, am zweiten Abend würde es besser – doch es war genauso schlimm. Da muss ich jetzt durch. Man darf die Angst nicht das eigene Leben beherrschen lassen.“ Einen wertvollen Tipp bekam er von Paul McCartney: „Er hat mir neulich zu meiner Verblüffung gestanden, dass er selbst auch noch immer schreckliches Lampenfieber hat. Aber er meinte: Du musst dir einfach klarmachen, dass das Publikum stets auf deiner Seite ist!“

Auf der Bühne spielt Zimmer Keyboards und Gitarre, doch er tritt nicht allein auf („Dann würde man mich vermutlich erschießen“, lacht er), sondern mit seiner Band, einem Chor und einem Orchester. Auch sein Revoluzzer-Kompagnon Lebo M wird an seiner Seite sein. Einen Dirigenten wird es indes nicht geben: „Ich möchte nicht, dass die Leute wie in einem klassischen Konzert den ganzen Abend auf einen Rücken starren müssen!“ Zudem verzichtet er bewusst auf Filmausschnitte: „Ich habe immer versucht, mit meinen Soundtracks eigene Geschichten zu erzählen, die auch ohne die Kinobilder wirken. Die Tour ist jetzt der Härtetest: Kann meine Musik die Menschen bewegen? Taugt das Zeug wirklich was? Oder ist das alles ein großer Schwindel?“

Der Meister des Kopfkinos hofft, dass er die Leute noch bis ans Lebensende mit seinen Kompositionen berühren kann. „Das Schöne am Musikerberuf ist ja, dass man nicht in Rente gehen muss“, stellt er fest. „Denken Sie nur an Ennio Morricone: Der Kerl ist 87 und rockt immer noch – und zwar viel besser als ich. Aber ich wüsste auch gar nicht, was ich ohne meine Arbeit tun sollte. Ich bin nicht der Typ, der daheim vor der Glotze hockt. Ich habe nicht mal einen Fernseher!“

Konzert  am 26. April in der Olympiahalle; Restkarten: 089/ 54 81 81 81.

Marco Schmidt

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