"Happy End" in Recklinghausen

Recklinghausen - "Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?": Diese allseits bekannte und ebenso aktuelle Sentenz Bert Brechts beschließt die Komödie "Happy End", die 1929 in Berlin uraufgeführt wurde.

Das Stück aus der Feder der Brecht-Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann, die sich marktstrategisch lieber Dorothy Lane nannte und zu dem der Meister selbst einige seiner besten, von Kurt Weill vertonten Songs beigesteuert hat, feierte am Donnerstagabend unter der Regie von Jérome Savary und Ulrich Waller Premiere bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen; eine weitere des nur sehr selten gespielten Stücks ist für den 25. Oktober im Hamburger St. Pauli Theater geplant.

Die Mär von den Banditen der 44. Straße Chicagos, die sich zum "Happy End" mit der geballten Biederkeit der Heilsarmee verbrüdern, sollte nach dem Willen des Autorenduos an den überwältigenden Erfolg der "Dreigroschenoper" anknüpfen. Doch auch die Ruhrfest- Inszenierung, für die immerhin der Altmeister der Bühnen-Burleske, der Franzose Savary mit Waller verantwortlich zeichnet, zeigt deutlich die Schwächen des Stücks.

Savary bekommt die Komödie mit ihrem oft schleppenden Text und kruder Handlung, der allerdings die Brecht-Songs vom Allerfeinsten immer wieder die Sporen geben, erst gegen Ende des zweistündigen Abends mit seinen bekannten Regietricks von Straßentheater bis Comedy in den Griff. Wen stört es auch, dass die Ballade von Surabaya Johnny, der Song von Mandelay oder über Bills Ballhaus in Bilbao wie willkürlich einmontiert erscheinen? Schließlich wollten doch Brecht/Lane den bereits sentimental-kitschigen und auf Massenerfolg schielenden Filmzirkus Hollywoods aufs Korn nehmen, dessen Produkte auch nicht aus einem Guss sein mussten.

Film- und Bühnenstar Peter Lohmeyer ("Das Wunder von Bern") verkörpert mit kahlrasiertem Schädel und in breitem Nadelstreifen überzeugend den kaltschnäuzigen Gangsterboss Bill Cracker, dem die mal naive, mal laszive blutjunge Heilsarmee-Offizierin "Halleluja- Lilian" - variantenreich verkörpert von Anneke Schwabe - verfällt. Angela Winkler gibt die Cracker-Konkurrentin und Gangsterchefin "Fliege". Sie wird aber in satirischer Überzeichnung trotz großer mimischer Kraft und sprachlicher Präzision von der Regie parodistisch zu eingleisig auf die Rolle einer kalt schnarrenden Schlange festgelegt.

Erst als sich am Ende Banditen und Heilsarmee schunkelnd in den Armen liegen, darf sie ein wenig Emotion zeigen. Die Ganoven haben endlich den Nutzen frömmelnder Tarnung und die Frommen den Nutzen des Profits erkannt: "Menschen sind das schönste auf der Welt, denn sie sind - zum Teufel - wert ihr Geld."

Der Gewinn des lebhaft beklatschten Abends besteht wohl vor allem darin, einem weniger bedeutenden bühnenhistorischen "Scharnier" zwischen "Dreigroschenoper" (1928) und "Mahagonny" (1930) zusehen zu können. In diesen beiden großen Stücken ist Brechts Biss giftiger, wenn er die sich auflösenden Grenzen zwischen Banditentum und Bürgerlichkeit bloßstellt. Die dunkelsten Fantasien des Bühnenklassikers können heute allerdings jederzeit noch von den aktuellen Meldungen zur globalen Bankenkrise übertroffen werden.

www.ruhrfestspiele.de

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