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Harald Krassnitzer: „Das Hippiewesen war nie meins“

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Von: Rudolf Ogiermann

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„Eigentlich geht es um eine Art Selbstfindungsprozess“: In „Siddharta – Das Musical“ übernimmt Harald Krassnitzer den Part des Erzählers. © Oliver Bodmer

Hermann Hesses zwischen 1919 und 1922 entstandener Roman „Siddharta“ gehört zu den meistgelesenen Büchern überhaupt. Aus dem Stoff entwickelten Häftlinge eines Mailänder Gefängnisses zusammen mit der italienischen Sängerin Isabella Biffi ein Musical, das morgen im Münchner Deutschen Theater zu sehen ist. Als Erzähler tritt Harald Krassnitzer auf. Wir trafen den 57-Jährigen vorab zum Gespräch.

München – Was ist im Leben wichtig – durch Askese an Weisheit zu gewinnen oder Familie zu haben und reich zu werden? Der Brahmane Siddharta macht sich in Hermann Hesses Roman auf die Suche nach dem Sinn und lernt dabei beide Seiten kennen. In der Musicalfassung des Stoffes spricht Schauspieler Harald Krassnitzer (57) die verbindenden Texte. Der gebürtige Salzburger ist einem großen Publikum vor allem durch seine Rollen in „Der Bergdoktor“, „Der Winzerkönig“ und im Wiener „Tatort“ bekannt.

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Im Gespräch: Harald Krassnitzer und Kulturredakteur Rudolf Ogiermann. © Bodmer

Kannten Sie Hesses „Siddharta“ vorher?

Harald Krassnitzer: Ja, klar, das ist, neben „Der Steppenwolf“ das Buch, das ich mir so mit 18, 19 reingezogen habe. Wie viele meiner Altersgenossen.

Wie erklären Sie sich rückblickend die Attraktivität eines Autors, der ja damals schon einige Jahre tot war?

Harald Krassnitzer: Das passte thematisch vielleicht in die Zeit. Da gab es zum einen die Ökos, die aufs Land gezogen sind, und zum anderen die Esoteriker in Gestalt der Sannyasins, die so lange ihre Klamotten in der Gemeinschaftswaschmaschine gewaschen haben, bis es kein Kleidungsstück mehr gab, das nicht orange war. In diesem Spektrum war Hesse eine Art Pflichtlektüre.

Apropos Sannyasins – haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, nach Indien zu gehen, was ja damals „in“ war, und die bürgerlichen Brücken hinter sich abzubrechen?

Harald Krassnitzer: Nein, das Hippiewesen war nicht wirklich mein Genre – obwohl ich die Leute bewundert habe, die in alte Bauernhöfe gezogen sind und dem Konsum abgeschworen haben. Heute findet man viele, die damals in Latzhosen unterwegs waren, in Anwaltskanzleien oder als Vermögensberater wieder.

In „Siddharta“ geht es um das Streben nach Weisheit – wo liegt die Botschaft dieser Geschichte für den Zuschauer von heute?

Harald Krassnitzer: „Streben nach Weisheit“ ist natürlich ein hehrer Begriff. Eigentlich geht es um einen Selbstfindungsprozess. Wo ist der für mich richtige Weg? Der immense Erfolg von „Siddharta“ beruht ja darauf, dass Hesses Figur kein Dogmatiker ist, sondern jemand, der aus Erfahrung lernt. Und das lässt sich durchaus auf heute übertragen. Wir müssen feststellen, dass Entscheidungen, die wir heute treffen, Auswirkungen auf den Rest des Jahrhunderts haben. Wir entdecken, dass 72 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Idee vom Frieden in Europa Risse bekommt. Wir leben in einer Zeit des Zweifelns, und in einer solchen Zeit gibt es immer zwei Möglichkeiten: Du verzweifelst – oder du lernst aus der Erfahrung und stellst die richtigen Weichen.

Der „Tatort“, in dem Sie seit 1999 spielen, greift über die eigentliche Krimihandlung hinaus oft brisante gesellschaftliche Themen auf. Wie wichtig ist Ihnen dieser Aspekt?

Harald Krassnitzer: Wenn Sie mich so fragen: gar nicht wichtig. Man muss aufpassen, dass das nicht so eine Echauffiertheit bekommt, nach dem Motto: Heute erzählen wir Euch mal wieder, was scheiße läuft. Andererseits hätte sich das Format längst totgelaufen, wenn wir Sonntag für Sonntag die klassischen – wie man bei uns in Österreich sagt – Vati-Mutti-Geschichten erzählen würden. Wenn wir nicht immer wieder den Mut gehabt hätten, heiße Eisen anzufassen. Natürlich ist es nicht gut, wenn es dreimal hintereinander um Füchtlinge geht, aber das ist eine Frage der Koordination. Und die Flüchtlingskrise ist nun einmal ein Thema, das die Menschen sehr beschäftigt.

Also doch – der „Tatort“ als Denkanstoß?

Harald Krassnitzer: Man muss sich hüten vor jeglicher Bevormundung. Der Zuschauer entscheidet, auf welcher Seite er steht.

Wobei Ihr Moritz Eisner ja manchmal schon sehr moralisch ’rüberkommt.

Harald Krassnitzer: Er hat etwas Empfindsames, und diese empfindsame Seite zeigt seine Empathie, sein Wissen, dass alles, was an Verbrechen passiert, in erster Linie ein Symptom ist. Natürlich ist es nicht zu entschuldigen, wenn jemand ein Kind missbraucht oder mit dem Auto absichtlich in eine Menschenmenge fährt. Aber wir hängen uns als Gesellschaft zu oft an den Symptomen auf, statt an die Ursachen heranzugehen: Warum diese Brutalität, warum dieser Hass?

Am 24. September ist Bundestagswahl, am 15. Oktober Nationalratswahl in Österreich. Was wünschen Sie sich für die beiden Länder, für Europa?

Harald Krassnitzer: Ich hoffe, dass es in beiden Ländern eine deutliche Mehrheit für die demokratischen Parteien gibt, egal ob rechts oder links von der Mitte. Und ich wünsche mir, dass die populistischen Kräfte, die wir in Europa zunehmend spüren, Randerscheinungen bleiben. Wir müssen damit beginnen, Widersprüche aufzulösen. Nehmen wir in Deutschland den Skandal um die Dieselmotoren. Es ist nicht nachvollziehbar, warum nur die Software – was angeblich nichts bringt – und nicht auch die Hardware nachgerüstet wird, und zwar auf Kosten der Hersteller. Und warum sind immer noch dieselben Leute an den Konzernspitzen, die behaupten, von allem nichts gewusst zu haben? Oder nehmen wir die Schließung der Mittelmeerroute. Natürlich geht dadurch die Zahl der Flüchtenden zurück, aber das Problem wird doch nicht dadurch gelöst, dass wir es in die libysche Wüste verlagern. Was ist das überhaupt für eine Entwicklungspolitik, die den Verkauf von Tiefkühlpizzen in Sambia fördert, so, als wären die Afrikaner nicht in der Lage, selbst Pizza zu backen. Eine solche Politik ist für mich unerklärlich.

Informationen zum München-Gastspiel:

„Siddharta – Das Musical“ ist am Dienstag, 12. September, um 19.30 Uhr im Deutschen Theater München, Schwanthalerstraße 13, zu sehen. 

Karten unter Telefon 089/55 23 44 44 und an der Abendkasse.

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