Harald Lesch
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Forscher sind ein Segen, findet Harald Lesch. In seinem neuen Buch appelliert er, Wissenschaftlern mehr zuzuhören.

Ein Hoch auf die Wissenschaft

TV-Professor Harald Lesch erklärt den Corona-Kosmos: „Dann kommt noch irgendein Schlauberger“

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Harald Lesch ist bekannter TV-Wissenschaftler und Autor. Sein Buch „Denkt mit!“ handelt von Pandemie, Aufmerksamkeit und Talkshows. Der Professor erklärt, was noch schwerer wiegt als Corona.

Seit vielen Jahren vermittelt Harald Lesch*, Professor für Theoretische Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, auch außerhalb der heiligen Lehr-Hallen spannendes Wissen – unter anderem in seiner ZDF-Sendung „Leschs Kosmos“. Nun ist von ihm und dem Journalisten Klaus Kamphausen das Buch „Denkt mit!“ erschienen. Ein Plädoyer, Wissenschaftlern besser zuzuhören.

Die Kliniken stehen in der Kritik, mit ihren Warnungen vor zu vielen Corona-Fällen übertrieben zu haben, der Vorwurf: Sie wollten nur Geld machen mit der höheren Intensivbettenbelegung. Klinik-Vertreter wiederum betonen, dass die Bedrohung sehr real war. Wem soll man glauben?
Harald Lesch: Glauben Sie den Leuten vor Ort! Die Krankenhäuser, in denen es wirklich um Leben und Tod geht, sind ja keine kleinen Privatkliniken, die Geld scheffeln. Das sind große öffentliche Klinken, die alle bezuschusst werden müssen. Die gehen seit 15 Monaten auf dem Zahnfleisch. Werden aber öffentlich massiv angegriffen. Dabei sollte man dem Herrn auf Knien dafür danken, dass die Zahlen nicht so schlimm geworden sind wie befürchtet.
Unser Gesundheitssystem hat uns gerettet?
Harald Lesch: Allerdings, wir sind besser weggekommen als andere Länder in Europa und der Welt. Weil wir ein verdammt gutes Gesundheitssystem haben. Weil wir bereit sind, ’ne Menge Geld in die Krankenhäuser zu pumpen. Wir sollten deshalb jetzt nicht damit anfangen, Intensivbetten zu reduzieren.
Und doch melden sich jetzt immer mehr Menschen zu Wort, die sagen: Das hätte man alles anders machen müssen! Ist im Nachhinein einfach, oder? Das Wissen heute ist ja ein anderes als zu Beginn der Pandemie.
Harald Lesch: Genau. Während der Pandemie konnten wir in Echtzeit miterleben, wie sich der Kenntnisstand ständig verändert hat. Was kaum einem klar ist, ist: Dass wir so gut auf die Corona-Pandemie vorbereitet waren, hatte unter anderem damit zu tun, dass sich Virologie und Epidemiologie seit Jahrzehnten damit beschäftigt haben. Dann dringen diese Erkenntnisse in die Öffentlichkeit – und als Wissenschaftler sollst du in einer Talkshow in zehn Sekunden erklären, wofür du möglicherweise Jahre gebraucht hast, um das überhaupt erst mal zu überreißen. Und dann kommt noch irgendein Schlauberger daher und meint: „Das hätten Sie doch alles wissen können!“ Meinungen bilden sich in kleinen Zeiteinheiten, aber wissenschaftliche Erkenntnisse brauchen sehr, sehr lange.

Lesch über Corona, Talkshows und Experten: „Komplexe Zusammenhänge brauchen Zeit“

Sie sind komplex. Komplexität verlangt Aufmerksamkeit – sind wir einfach nicht mehr aufmerksam genug, um so einem wie Herrn Lauterbach mal richtig zuzuhören?
Harald Lesch: Leider scheint das so zu sein. Warum lädt man nicht Karl Lauterbach* als einzigen Gast in eine Talkshow ein? In einer anderen Sendung kann man dann wieder einen anderen Experten einladen. Damit jeder genug Zeit hat, sein Wissen darzulegen. Für komplexe Zusammenhänge braucht man Zeit. Und das Publikum braucht die Aufmerksamkeitslust, dem zuzuhören. So wie man einem Kfz-Meister zuhört, wenn man sein Auto dahin bringt. Weil man weiß: Der Mann hat Ahnung, ich habe keine. Die Wissenschaft hat längst verstanden, dass sie mehr erklären muss. Dann muss man uns aber auch so fragen, dass wir antworten können. Und nicht mit einem: „Jetzt sag doch mal schnell!“
Wir sollten Experten mehr achten?
Harald Lesch: Unbedingt. Ich möchte, dass Menschen, die in diesem Land von all dem leben, was unter anderem die wissenschaftliche Forschung hervorgebracht hat, das auch zu schätzen wissen. Man sieht das am Beispiel der Impfstoffe. Wir sagen unserem Immunsystem exakt, was es tun soll. Was für eine wissenschaftliche Leistung! Aber kaum jemand scheint das so richtig anzuerkennen. Da heißt es dann: „Ja, und warum machen die das? Die wollen damit Geld verdienen!“ Sollen sie doch ruhig – Forschung kostet ja auch einen Haufen Geld. Aber dass die Entwicklung eines Impfstoffes* in so kurzer Zeit überhaupt möglich ist, ist eine großartige Sache und dafür braucht Wissenschaft die Akzeptanz der Gesellschaft.
Die Gesellschaft finanziert Universitäten und Forschungsinstitutionen.
Harald Lesch: Und zwar ordentlich, da kann man nichts sagen. Doch dann werden Ergebnisse aus diesen Forschungsinstitutionen veröffentlicht – und wenn sie nicht gefallen, heißt es: „Nee, das wollen wir nicht! Wir nehmen nur das, was gefällt. Schwarze Löcher, wunderbar, das hat nichts mit uns zu tun.“ Sobald wir mal über uns selber sprechen – Stichwort: Klimawandel, Energiewende –, wenden sich viele lieber ab. Dabei wird der Klimawandel eine Herausforderung werden, die viel länger dauert als Corona.

Corona, Klimawandel und mehr: Welchen Institutionen Laien Glauben mehr glauben sollten

Ob Klimawandel oder Corona: Ständig melden sich „Experten“ zu Wort. Woran kann der Laie erkennen, welche Informationen stimmen?
Harald Lesch: Es gibt so ein paar Dinge, die muss man lernen. Eine davon ist, dass es Spezialwissenschaften gibt. Im Fall der Pandemie: Viren haben etwas mit Virologie zu tun. Das heißt, wenn sich ein Internist lautstark zum Thema äußert, können Sie den gleich vergessen, denn der hat keine Forschungserfahrung zu dem Thema. Ist zwar ein Mediziner, weißer Kittel und so weiter, Vertrauen, Vertrauen, Vertrauen – aber hier hat er keine Ahnung. Ich würde grundsätzlich öffentlich-rechtliche Institutionen bevorzugen. Weil da im Allgemeinen der Querschnitt eines wissenschaftlichen Gebiets angeboten wird. Das Robert-Koch-Institut, das Paul-Ehrlich-Institut oder viele andere Institute bezahlen wir seit Jahrzehnten dafür, genau die Expertise anzusammeln, die wir brauchen, wenn es zum Notfall kommt. Das ist so wie: An wen wenden Sie sich, wenn Ihr Haus brennt?
Nicht an die Polizei ...
Harald Lesch: ... sondern an die Feuerwehr. Warum? Weil bei der Feuerwehr Männer und Frauen sind, die seit Jahren den Ernstfall geübt haben. Die haben einen Plan. Das ist etwas, was vielen fehlt, die sich in die Diskussionen um Corona oder um den Klimawandel einmischen. Die ganz große Entwicklung können nur diejenigen im Blick haben, die über entsprechende Ressourcen verfügen.

Harald Lesch über Klimawandel-Leugner: „Der ideologische Kampf ist längst erledigt“

Stichwort Klimawandel: Wie kann man die Leugner überzeugen?
Harald Lesch: Die Klimawandel-Leugner sind unerheblich. Wir haben inzwischen einen so breiten Konsens in den Parteien, dass es einen Klimaschutz braucht und dass dieser Klimaschutz vor allem darin besteht, die erneuerbaren Energien auszubauen, und zwar so schnell es geht. Auch die großen Unternehmen sind längst auf den Trip gekommen, dass sich mit grüner Energie Geld verdienen lässt. Wenn Sie sich die Pressemitteilungen der frühen Nullerjahre anschauen, sehen Sie, dass da noch die Angst umging, der Strommarkt würde durch das Umsteigen auf Erneuerbare instabil. Alles Quatsch mit Soße! Also: Der ideologische Kampf ist längst erledigt, jetzt geht es darum, das Richtige zu tun, die Infrastruktur auszubauen.
... und das eigene Verhalten zu verändern. Glauben Sie, dass wir hier auch durch die Pandemie etwas gelernt haben?
Harald Lesch: Ich glaube, dass wir gemerkt haben, was für eine tolle Infrastruktur wir haben. Und was für eine tolle Disziplin! Es werden nicht alle etwas aus der Krise gelernt haben. Aber vielleicht hat die Zahl der Optimisten ja ein bisschen zugenommen. Etliche werden dankbar sein, dass es so tolle Leute gibt, die in kritischer Zeit geholfen haben. Ich habe kistenweise Wein verschenkt an Frauen und Männer aus dem Gesundheitssystem, weil ich ihnen so unheimlich dankbar bin. Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, als ich erstmals diese Spritze in meinem Oberarm gespürt habe. Ich weiß jetzt: Es wird für mich keinen schlimmen Verlauf von Corona geben. Ich werde mich vielleicht infizieren und leichte Symptome haben – aber ich werde nicht da liegen und mir Röhren durch den Rachen schieben lassen. Ich meine: Das ist doch ’ne Sache, da kann man doch auch mal jubeln!

Das Buch „Denkt mit!“ (Random House, 128 Seiten, 14 Euro) kann man bei seinem lokalen Buchhändler hier kaufen

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