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Harald Schmidt wird 65: Von Altersmilde keine Spur

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Von: Stefanie Thyssen

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Harald Schmidt
Er war über Jahre „Mister Late Night“ in Deutschland. Inzwischen macht sich Harald Schmidt rar, hat aber nichts von seiner Lust an der Provokation eingebüßt.  © Dennis A. Hundt

Harald Schmidt wird 65. Doch „Dirty Harry“, der sich vor acht Jahren mit seiner Late-Night-Show aus dem Fernsehen verabschiedet hat, zeigt in unserem Interview keine Spur von Altersmilde. Zum Glück!

Er feiert am 18. August seinen 65. Geburtsag, doch von Altersmilde keine Spur. Wir sind mit Harald Schmidt zum Interview via Zoom verabredet. Bei einer Pressekonferenz von Amazon Prime wurde soeben die neue Show des Streamingdienstes präsentiert. In „One Mic Stand“ geben Comedians und Comediennes Prominenten Unterricht in ihrem Fach und begleiten sie bis zum ersten großen Auftritt vor Publikum. Schmidt ist einer der Coaches, seine „Azubis“ sind die Fußballstars Mats Hummels und Christoph Kramer. Im Gespräch geht es dann aber nicht nur um die neue Show, die Amazon auch als Schmidts Comeback feiert. „Dirty Harry“ holt weiter aus und schießt (unter anderem) durchaus scharf gegen das ZDF-„Traumschiff“, mit dem er selbst seit einigen Jahren über die Weltmeere schippert. Er nimmt sich die Narrenfreiheit, das wird überdeutlich, und scheißt sich auch sonst nix, wie man auf gut Bairisch sagt. Gegenlesen, also den Text absegnen, wie es eigentlich inzwischen üblich ist, will er nicht. „Das mache ich schon lange nicht mehr“, lacht er. Na dann, los geht’s.

Ich habe Sie beobachtet bei der Pressekonferenz. Da ging es um Amazon als „Home of Talents“ und darum, dass die Sendung „One Mic Stand“ ab dem 15. Juli „bingeable“ ist, also in einem Rutsch durchgeschaut werden kann. Da wird – natürlich – selbstverständlich gegendert und so weiter. Sie sahen ein bisschen aus, als hätten Sie sich gefragt: Wo bin ich hier reingeraten?

Harald Schmidt: Aufgrund der Gage versuche ich eigentlich so zu gucken wie Annalena Baerbock bei der Uno. Es steht im Vertrag auf Seite 621, dass ich Ihnen nicht sagen darf, was mir dabei durch den Kopf geht, aber Sie haben die Spur schon richtig gelegt.

Die Gage war gut?

Harald Schmidt: Die ist immer gut. Und mir macht es auch Spaß, mich dann professionell zu verhalten. Ich freu mich natürlich auch, wenn ich diese Begriffe auf Englisch höre und überlege, wie das für meine ZDF-Zuschauer auf Deutsch formuliert werden müsste.

Amazon kündigt Ihr Mitwirken an der Show als Ihr großes Comeback auf der Bühne an. Würden Sie das auch unterschreiben? Feiern Sie hier Ihr Comeback?

Harald Schmidt: Auch das habe ich zur Kenntnis genommen. Wenn ich irgendwo ein Müttergenesungswerk eröffne, heißt es: Comeback! In meiner Wahrnehmung kann ich aber gar kein Comeback machen, weil ich gar nicht weg war oder bin. Ich trete halt nur drei Mal im Jahr auf.

Vermissen Sie die Zeit, in der das anders war?

Harald Schmidt: Nein. Schauen Sie, ich sitze hier gerade in Innsbruck, ich fahre jetzt gleich mit dem Zug nach Uderns ins Zillertal und trete dort heute Abend beim Steudltenn-Festival auf. So. Letzte Woche hatte ich Kostümprobe für die Volksoper Wien, wo ich im September Ludwig XV. spiele in der Operette „Die Dubarry“. Da kann ich doch nur sagen: Womit habe ich dieses fantastische Berufsleben verdient? Die Sonne scheint, ich sitze im Straßencafé, und ich möchte jetzt auch nicht, dass irgendein 18-Jähriger ohne Berufsabschluss und mit Headset mir in einem Fernsehstudio sagt: „Wir brauchen Dich in einer halben Stunde in der Maske.“ Also bitte: Anfragen ab österreichisches Bundestheater aufwärts.

Ab und zu schippern Sie ja auch noch mit dem „Traumschiff“ um die Welt.

Harald Schmidt: Wenn die Reise stimmt. Ich bin natürlich kein Typ für Adria und Mittelmeer. Es muss auch ein Flughafen sein, wo ich bequem hinkomme. Wenn es ein Übernachtflug ist, will ich natürlich schlafend ankommen. Wie früher der Bischof von Limburg, der auf die Frage, warum er First Class fliege, antwortete: „Ich will ausgeschlafen bei den Kindern im Elendsviertel ankommen.“ Da ist nur immer die Frage, wie lange das ZDF das mitmacht.

Haben Sie eine Ahnung?

Harald Schmidt: Da ich mittlerweile einer der wenigen Mitwirkenden beim „Traumschiff“ bin, die den Beruf in etwa mal gelernt haben, geht das vielleicht noch ein paar Jahre.

Das klingt ganz lustig, wenn Sie das so erzählen. Aber die Sache mit den Schauspielern auf dem „Traumschiff“ ist die bittere Wahrheit.

Harald Schmidt: Ja ja. Kürzlich standen da irgendwelche Influencer rum. Da frage ich: Was macht die hier? Dann heißt es: „Du, die hat zweieinhalb Millionen Follower.“ Ich habe das zur Kenntnis genommen, aber mit so jemandem spiele ich natürlich nicht.

Sie haben gar keine Sorge, dass das ZDF angesichts dieser Haltung zu Ihnen kommt und sagt: Dann verzichten wir lieber auf Harald Schmidt als auf die Influencer?

Harald Schmidt: Das kann passieren, aber das ist dann auch okay. Ich weigere mich nur mit sprechenden Rollkragenpullovern aufzutreten. Und ich weigere mich auch, von irgendeinem ZDF-Gewaltigen, der ein enges Höschen und eine schwarze Hornbrille hat, irgendwelche Bewertungen entgegenzunehmen. Unterhalb meines Radars.

Verstehe. Vielleicht kommen wir noch mal zurück zu „One Mic Stand“. Wer konnte Sie eigentlich überzeugen, bei der Show mitzumachen?

Harald Schmidt: Sagen wir es mit Hollywood: Wenn Fred anruft, sagt man nicht ab.

Sie reden von Fred Kogel, Ihrem alten Kompagnon aus Late-Night-Zeiten, der die Amazon-Sause jetzt produziert.

Harald Schmidt: Ja, dieser Satz gefällt mir: Fred called me. Aber ich fand’s natürlich auch toll, was für Amazon zu machen.

Warum?

Harald Schmidt: Ja, weil ich natürlich die Leistung von Amazon schon mal unglaublich finde. Dass da jemand sagt, wir fangen jetzt mal an, in einer Garage in Seattle Bücher zu verschicken. Ich habe die Geschichte von Jeff Bezos und seiner damaligen Frau schon verfolgt. Und ich erzähle Ihnen was: Ich habe kürzlich einen Katalog bestellt im Deutschen Historischen Museum Berlin. Der kam nach drei Wochen nicht an, dann haben wir nachgefragt, und es hieß: „Der Mann, der dafür zuständig ist, ist in Elternzeit.“

Hm.

Harald Schmidt: Ja genau. Dann habe ich das bei Amazon bestellt, und es war am Nachmittag da. Da wird es schwierig für die Geschenkeabteilung des Museums.

Zurück zur Show: Waren die beiden Fußballer, Mats Hummels und Christoph Kramer, mit denen Sie gearbeitet haben, ein Glücksfall oder eher eine Herausforderung?

Harald Schmidt: Ich war begeistert! Ich habe die beiden total gelöchert. Wie läuft so ein Training ab? Wie geht das mit der Mannschaftsaufstellung? Was sagt ihr, wenn ein neuer Spieler kommt? Wer hat schon welches Ersatzteil im Körper? Mich interessiert Fußball – vor allem die Sachen hinter den Kulissen. Da war es für mich fast schwierig, den beiden noch die Comedy mit auf den Weg zu geben.

Kann jeder Stand-up-Comedy lernen?

Harald Schmidt: Man kann es eigentlich nicht lernen. Aber es gibt sicher viele, die Talent haben. Es gibt in jedem Betrieb ja auch so einen Kantinen-Komiker. Ob der es dann auch professionell kann, ist eine andere Sache. Es braucht auf jeden Fall den Spaß am Spott, an der Beobachtung, auch an der Häme. Und dann kann ich als Coach nur sagen: Lass Dir Zeit, lass die Arme hängen. Und wenn ein Gag nicht funktioniert, gib dem Publikum das Gefühl: Ich verzeihe Euch, dass Ihr heute Abend wieder nichts kapiert.

Das Publikum ist schuld, wenn ein Gag nicht zündet?

Harald Schmidt: Damit fängt der Job an.

Hazel Brugger ist auf der Seite der Coaches die einzige Frau in dieser Staffel. Ist Stand-up-Comedy eine Männerdomäne?

Harald Schmidt: Also, jetzt Achtung: Neeeiiin! Natürlich nicht. Und ich kämpfe mit allem, was mir zur Verfügung steht, dafür, dass wir mehr von diesen erstklassigen, unglaublich komischen Frauen nach vorne bringen. Es muss Schluss sein mit der Domäne des alten weißen Mannes.

Sehr lustig. Ihre echte Antwort?

Harald Schmidt: Na ja, kommen Sie (Lacht.) Ich freue mich, wenn ich das lese. Durch so eine Antwort fühlen sich bestimmt auch schon wieder einige in ihren Gefühlen verletzt.

Sie machen sich über so etwas lustig. In der Show begrüßen Sie die Zuschauer auch mit „Liebe Damen, liebe Herren, liebe Diverse“.

Harald Schmidt: Ich habe in Wien schon auf der Bühne gesagt: Ich begrüße alle Menschen ohne Penis.

Warum?

Harald Schmidt: Ich hatte kurz vorher gelesen, dass das sozusagen damals die alleroffiziellste Bedingung war, die gesagt werden musste. Es macht mir einfach großen Spaß, den gerade aktuellen Sprech zu lernen. Was natürlich nicht bedeutet, dass man die Haltung ändert.

Das Traumschiff
Mit Influencern auf dem ZDF-„Traumschiff“ will Schmidt nichts zu tun haben. Hier als Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle mit Manon Straché, Mi., und Heide Keller. © Dirk Bartling

Die wäre in Ihrem Fall?

Harald Schmidt: Hallo Jungs! (Dreckiges Lachen.)

Sie treten in der Show ja auch selbst auf. Man hat schon das Gefühl, Sie genießen den Moment auf der nicht eben kleinen Bühne, Sie genießen den tatsächlich tosenden Applaus des Publikums. Und Sie tragen einen König-Ludwig-Umhang!

Harald Schmidt: Ja (Lacht.) Ich bin ja auch nach wie vor in dem Job drin. Abgesehen davon: Eines meiner Vorbilder, Carlos Kleiber, hat mal gesagt: Dirigiert wird nur noch, wenn der Kühlschrank leer ist.

Und so halten Sie es auch?

Harald Schmidt: Na ja, es gibt ja genügend Kollegen in meiner Altersklasse, die durch die feuchten Keller bei RTL kriechen. Das tue ich mir nicht an.

Und eine zweite Staffel von „One Mic Stand“? Wären Sie wieder als Coach dabei?

Harald Schmidt: Das liegt nicht in meiner Macht. Ich bin nur ein demütiger Befehlsempfänger dieses Weltkonzerns.

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