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Harald Schmidt.

Harald Schmidt inszeniert die „Lustige Witwe“

Düsseldorf - Nur mal angenommen, man vergisst alles. Seine Late-Night-Show, die Pochers, Andracks oder Feuersteins dieser Welt, die nur als Pointen-Zielscheibe und Stichwortgeber angestellt waren.

Auch die ersten Kabarett-Sporen beim Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ und die Dauer-Pose als „Dirty Harry“. Was bliebe dann? Nicht so furchtbar viel: eine Aufführung, nett und manierlich, mit manch Fehlern gedrechselt und geeignet für zig Umbesetzungen, ein Abend also, den man allenfalls von einem Nachwuchs-Spielleiter der Deutschen Oper am Rhein erwartet hätte. Das Haus wirbt jedoch PR-trächtig und deutschlandweit beachtet mit „Inszenierung: Christian Brey, Harald Schmidt“.

Nächste Aufführungen:

8., 12., 18.12.

Karten unter Tel.: 0211/89 25 211.

Und mag das Duo noch so übers Regietheater ätzen, mögen sich beide zum Kitsch-as-Kitsch-can bekennen und „das Publikum zur Sentimentalität ermutigen wollen“ (Schmidt): Franz Lehárs „Lustige Witwe“ in Düsseldorf unter Regie-Mitarbeit von Deutschlands teuerstem Pointen-Präsentator – da reibt sich Düsseldorfs pelzbewehrte Gala-Gemeinde in Vorfreude auf Bitterböses die Hände. Man wäre ja auch wild entschlossen gewesen zum Amüsement. Gelacht wird folglich am meisten nicht über sparwitzige Aktualisierungen („Hier gibt’s weniger treue Ehefrauen als Minarette in der Schweiz“), sondern über fünf theaterfreie Minuten: Zwischen Akt zwei und drei überbrückt Harald Schmidts Stimme vom Band die Umbaupause. Fahndet nach der Mutter „der 89-jährigen Martha Piehl“, ruft auf zur Augenlid-Gymnastik und wirbt fürs Wohltätigkeitskonzert zugunsten von Opfern für Schönheitsoperationen mit „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ – und siehe: Geprustet und gegackert wird wie unter Humor-Entzug.

Schon seit geraumer Zeit treibt es Schmidt aus dem TV-Studio auf seine viel stärker ersehnten Bühnenbretter. Beginnend vor Jahren in Bochum bei „Warten auf Godot und zuletzt im Herbst 2008, als er mit Christian Brey am Stuttgarter Staatsschauspiel „Hamlet“ aufs schräge 90-Minuten-Musical eindampfte. Wenn’s nun in Düsseldorf wenigstens ein Rückfall ins Operetten-Museum geworden wäre. Doch Schmidt und Brey unterziehen mit Anette Hachmann und Elisa Limberg (Bühne) die „Witwe“ einer Anti-Plüsch-Kur. Gespielt wird in schickem, keimfreien Ambiente zwischen halbkreisförmig postierten „Spiegel-Drehelementen“, wie auf der Bühne erläutert wird, und meist als Frontal-Gesang vor eingefrorener Chor-Phalanx.

Für Atmosphäre müssen blaue Ballons sorgen, die’s aus dem Schürboden nieselt, und Ausstattungsgags wie der wurstförmige Mond, vor dem die Glawari ihr Vilja-Lied singt, nebst riesigen Sektkelchen, in denen sich die Grisetten räkeln. Viele Szenen wirken wie mühevoll gestellt, andere mit Zünder-Garantie wie das Grisetten-Lied oder „Weibermarsch“ verpuffen gleich ganz – obgleich das Publikum per Spruchband zum Mitsingen aufgefordert wird. Vergeblich. Unterm Strich bleibt eine laue, lose verknotete Nummern-Revue. Man hält sich also an die Musik und fährt damit bestens. Denn mit seinem Generalmusikdirektor Axel Kober bietet Düsseldorf einen Dirigenten auf, der sich bestens auf Operette versteht. Die Düsseldorfer Symphoniker lassen die Walzer weanerisch schlenzen, werfen sich schon im Vorspiel von Null auf Hundertzwanzig in eine hochtourige, straffe und rahmfreie Deutung. Dazu gibt es herrliche Orchestersoli (Violine, Cello) und eine respektable Sänger-Riege. Will Hartmann nimmt dabei mit seiner Danilo-Erfahrung dem Regie-Duo die Arbeit ab: ein Tenor, der am Vorabend von Jopis 106. den ewigen Maxim-Gänger locker vergessen lässt.

Anett Fritsch ist stimmlich und darstellerisch eine Muster-Valencienne, Morenike Fadayomi bietet als Glawari vor allem viel fürs Auge, steuert aber schon, unter Vernachlässigung des Textes, auf den Sopranherbst zu: Immer wieder schweift bei ihr der Blick zu den Übertiteln – doch da ist leider nichts. Die absurde Komik von Peter Nikolaus Kante, als Baron Mirko ein grimassierendes Smoking-Monster, und dem skurrilen Lutz Salzmann als Adlatus Njegus lassen ahnen, was an diesem Abend möglich gewesen wäre. Kein Vergleich also zum Stuttgarter „Hamlet“, den Harald Schmidt und Christian Brey die entscheidende Umdrehung weiter in die Groteske getrieben hatten. Dass sich Witwen-Macher Schmidt in Interviews immer wieder zurücknahm und zur zweiten Geige stilisierte, könnte die böseste Pointe des Düsseldorfer Abends sein: Sein neuer Pocher heißt nun Brey.

Von Markus Thiel

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