+
Zeigte die beste Leistung des Abends: Julia Klotz als Madame de Tourvel, hier in den Armen des verführerischen Vicomte de Valmont (Armin Kahl), ließ den Zuschauer mitleiden.

Kritik zur Uraufführung am Gärtnerplatztehater 

"Gefährliche Liebschaften": Harmlose Matratzenakrobatik

München - Die Uraufführung von „Gefährliche Liebschaften“ am Gärtnerplatztheater bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Eine mit Intrigen gespickte und nach der erfolgreichen Verfilmung mit Glenn Close sogar Oscar-gekrönte Geschichte um erotische Irrungen und Wirrungen, zwei der renommiertesten deutschen Musicalautoren, ein gefragter Choreograf aus dem Londoner West End und ein handverlesenes Ensemble ausgewiesener Musicalprofis. Die Zeichen standen ziemlich gut, als sich am Sonntag im Cuvilliéstheater der Vorhang für die Uraufführung der „Gefährlichen Liebschaften“ hob.

Dass die Produktion trotz starker Besetzung dennoch hinter den hoch gesteckten Erwartungen zurückbleibt, geht in erster Linie auf das Konto von Komponist Marc Schubring und Texter Wolfgang Adenberg, deren Nummern vor allem im zähen ersten Akt einfach zu beliebig dahinplätschern. Vieles bewegt sich hier, Choderlos de Laclos’ Romanvorlage durchaus angemessen, im unverbindlich lockeren Konversationston. Doch hätte man sich daneben auch den einen oder anderen traditionell gebauten Song gewünscht, in dem die Figuren ihren Gefühlen freien Lauf lassen und damit auch mehr individuelles Profil entwickeln könnten. So nämlich hält die Frequenz der musikalischen Höhepunkte leider nicht ganz mit den gespielten Orgasmen Schritt, die etwas inflationär erstöhnt werden. Erst Valmonts große Nummer „Allmächtig“ kurz vor Aktschluss zündet dann so richtig und findet ihr Gegenstück nach der Pause im Solo der Marquise de Merteuil „Liebe macht uns schwach“ oder dem Duett „Stark wie der Tod ist die Liebe“, bei dem auch Andreas Kowalewitz die Temperatur im Orchestergraben noch einmal nach oben schraubt.

Der zweite Akt kommt so deutlich dichter daher und zeigt, was möglich gewesen wäre. Für die richtige Atmosphäre sorgt schon das Cuvilliéstheater selbst, das für den Skandalroman von 1782 die perfekte Kulisse abliefert. Bühnenbildner Rainer Sinell war dabei klug genug, dem goldglänzenden Rokokojuwel eine schlichte, aber praktikable Spielfläche gegenüberzustellen, die im Zentrum von einem großen Spiegel dominiert wird, der immer wieder voyeuristische Einblicke erlaubt. Umso aufwändiger dagegen die der Epoche treu bleibenden Kostüme von Alfred Mayerhofer, aus denen sich das Ensemble für zahlreiche horizontale Aktivitäten schälen darf. Ob blanke Busen und entblößte Pobacken allerdings heute noch eine Altersempfehlung ab 15 Jahren nach sich ziehen müssen, steht auf einem anderen Blatt.

Denn neben der überwiegend harmlosen Matratzenakrobatik versteht es die Inszenierung von Josef E. Köpplinger und seinem choreografierenden Co-Regisseur Adam Cooper, durchaus auch mit subtilen Gesten und vielsagenden Blicken zwischen den Figuren Spannung zu erzeugen. Sympathieträger ist hier vor allem Florian Peters, der als junger Danceny schüchtern versucht, der etwas blassen Cécile von Anja Haeseli den Hof zu machen, am Ende aber ebenfalls von der Marquise instrumentalisiert wird. Anna Montanaro verkörpert die herzlose Strippenzieherin dieses erotischen Intrigenspiels mit der nötigen Autorität und angemessener Kälte, hat aber in Julia Klotz eine starke Konkurrentin, die ihr sowohl stimmlich wie darstellerisch einiges entgegenzusetzen hat und die wohl beste Leistung des Abends abliefert. Als anfangs noch standhafte und später trotz Gewissensbissen dem Charme Valmonts erliegende Madame de Tourvel formt sie einen der wenigen Charaktere im Stück, mit dem man tatsächlich mitleidet. Zwischen diesen beiden Frauen steht Armin Kahl, der den Verführer Valmont mit viel Testosteron ausstattet, dabei aber auch die Risse in der scheinbar so selbstbewussten Fassade spüren lässt. Carin Filipcic als Céciles Mutter und Erwin Windegger als Valmonts Diener runden das Ensemble homogen ab, sind allerdings kaum mehr als Stichwortgeber, während Gisela Ehrensperger als Valmonts Tante lustvoll ihren altersweisen Sarkasmus auf der Bühne versprüht und die Lacher auf ihrer Seite hat.

Von Tobias Hell

Weitere Vorstellungen bis 6. März; Telefon: 089/ 21 85 19 60.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker setzen ihren Bruckner-Zyklus mit der Achten fort. Eine Enttäuschung.
Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Christine Nöstlinger ist gestorben
Die österreichische Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Dies bestätigte am Freitag der Residenz-Verlag in Wien. 
Christine Nöstlinger ist gestorben
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Das ist auch eine kulturpolitische Entscheidung mit Blick auf den Konzertsaal: Mariss Jansons bleibt seinem Orchester ungewöhnlich lang erhalten.
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Earth, Wind & Fire auf dem Tollwood: Im Boogie-Wunderland
Earth, Wind & Fire haben bei ihrem Konzert in der Toolwood-Arena eine mitreißende Show geliefert. Disco kann so einfach sein, findet unser Redakteur - eine Nachtkritik.
Earth, Wind & Fire auf dem Tollwood: Im Boogie-Wunderland

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.