Harmonie der Schöpfung

- "Naturbilder sind herrliche Choralmelodien, von welchen wir den Text wohl ahnden, aber nur jene erhabenen Klänge welche unser Innerstes aufregen, wirklich verstehen und empfinden", schrieb Ludwig Richter 1828 in sein Tagebuch, das er systematisch führte und das sich später zu den höchst erfolgreichen "Lebenserinnerungen eines deutschen Malers" auswuchs. Richter, den wir alle als Inbegriff des biedermeierlich innigen Märchen-Illustrators kennen, erweist sich in seinen Texten ganz auf der Höhe seiner Zeit, reflektiert die romantische Ästhetiktheorie nachdenklich und klug. Zum 200. Geburtstag des Künstlers (28. 9. 1803) entwickelte die Dresdner Galerie Neuer Meister zusammen mit der Neuen Pinakothek eine Ausstellung, die die "Popularität verweigert", wie Kurator Herbert Rott jetzt in München anmerkte. Denn es geht um "Ludwig Richter - Der Maler".

<P>Es sind nur rund 60 Gemälde bekannt, wovon einige verschollen sind. Alle übrigen bis auf eines, das nicht "reisetauglich" ist, sind nun vereinigt. Eine einmalige Gelegenheit, diesen etwas unterschätzten Landschafter kennen zu lernen - bestens eingebettet ins 19.-Jahrhundert-Panorama der Neuen Pinakothek. Dort ist ohnehin das erste große Werk Richters beheimatet, "Der Watzmann" (1824). Der junge Maler hatte ihn in Rom, damals die ultimative Ausbildungsstätte, in Angriff genommen, immer noch beeindruckt von der Alpenüberquerung. Es folgten weicher gestimmte, schön komponierte italienische Landschaften, in denen sich die Menschen nicht mehr verlieren, sondern zum wichtigen Bestandteil werden. Es sind vor allem Landleute, Hirten und Bauern, oder Wanderer, die Ludwig Richter in Szene setzte. Das aber ist nur ein schwacher Nachhall der alten Bukolik, viel eher ist es der Versuch, die Harmonie der Schöpfung darzustellen.</P><P>Sinnbild des Lebens</P><P>Ob in dem frühen Gemälde "Tal bei Amalfi mit Ausblick auf den Meerbusen von Salerno" von 1825, ob in dem fast letzten von 1859, "Im Juni", Richter widmete sich mit großer Liebe nicht nur dem Aufbau der Landschaft, sondern auch den Details. Im Vordergrund, vom Busch abgeschirmt wie in einer Laube, ein Liebespaar. Fein gekleidet und in seiner Sonderstellung im Bild setzt es einen Märchen-Akzent in die realistische Flur aus Wiesenhang, Felsbrocken, Gebüsch und knorrigen Bäumen. In die nämlich gehören ganz natürlich die Hirten, die Frau mit dem Baby, Kinder, Hund und Schafe. An ihnen vorbei schweift unser Auge ins weite Tal im Hintergrund. Die Menschen ihrerseits bestaunen den Regenbogen am Himmel, ein Wegweiser ins Transzendente. Auch bei dem Amalfi-Werk geht die Blickführung hinaus in die Weite - hier des Meeres. Wieder die Sorgfalt, mit der von Hahnentritt, Gänseblümchen, abgeplatzten Baumrinden und gefiederten Blättern "erzählt" wird. Wieder die Menschen: der Alte ins Schauen versunken, die Jugend tätig oder mit dem Nachwuchs spielend. So rundet Ludwig Richter Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt sowie seine Personage zum Sinnbild der Lebensalter, des Lebens überhaupt.</P><P>Adrian Ludwig Richter, Sohn eines Dresdner Kupferstechers, konnte nach seiner Rückkehr aus Italien in Dresden als Künstler nicht recht Fuß fassen. Er musste sich ab 1828 als Zeichenlehrer in der Meißener Porzellanmanufaktur durchschlagen. 1836 ging er zurück nach Dresden - und kam an der Akademie unter, wo er 1841 Professor wurde. Sein Kontakt mit dem Verleger Georg Wigand brachte ihn zur Illustration, die ihn berühmt machte. Die Anerkennung wurde ihm noch zu Lebzeiten nicht versagt. Wovon auch die drei Porträts in einem Kabinett der Neuen Pinakothek zeugen. Zwei zeigen einen soignierten Herren. Das von Leon Pohle von 1880, vier Jahre vor Richters Tod, jedoch einen liebenswerten weißhaarigen Mann vor seinen Notizen - in Gesellschaft von Palmkatzerl, Schlüsselblumen und Maßliebchen. Der Maler Ludwig Richter in bester Gesellschaft - in der, die er stets verehrte.</P>Bis 25. April, Tel. 089/ 23 80 51 95; Katalog, Deutscher Kunstverlag: 24,90 Euro.

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