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Nikolaus Harnoncourt übt heftige Kritik am weihnachtlichen Konzertritual.

Harnoncourt: Kritik am weihnachtlichen Konzertritual

München - Nikolaus Harnoncourt übt heftige Kritik am weihnachtlichen Konzertritual. Warum, der erklärt er im Interview mit dem Münchner Merkur.

Müssen fast zwanzig Münchner Weihnachtsoratorien im Dezember sein? Was halten Sie von solchen Ritualen?

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Allgemein gesagt ist es eine traurige Sache, dieses Auseinanderklaffen von Kommerz und dem Transzendenten. Die Sprache demaskiert doch alles, wenn man zum Beispiel vom „Weihnachtsgeschäft“ redet. Die tief mit der Tradition des Christentums verbundenen Kunstwerke lösen sich immer mehr von ihrer eigentlichen Basis. Ich hatte einmal eine sehr berühmte Solistin, die die Worte „Fiat Lux“ singen sollte – und nicht wusste, was das heißt und dabei an eine Staubsaugermarke denken musste. Es dreht sich ja nicht nur ums Weihnachtsoratorium oder die Matthäuspassion, sondern auch um den riesigen Kodex des Mythischen: Wer weiß denn noch, was in der Odyssee passiert? Man braucht eben eine Weihnachtsstimmung, damit das Geschäft funktioniert. Wie ein buntes Papier, das dieses Geschäft mit irgendeiner Art von Emotion rechtfertigt. Man nimmt die unsterbliche Musik Bachs nurmehr als Klang war, nicht mehr als Inhalt. Die Sänger könnten „blabla“ dazu singen. Es geht eben um „Stimmung“, sonst gibt’s keine Weihnachten.

Aber man könnte doch froh darüber sein, dass die Menschen in diese Konzerte gehen. Das ist gewissermaßen der letzte Strohhalm zur Religion.

Ich denke da immer an den Isenheimer Altar. Der wurde seinerzeit für ein Siechenhaus gemalt. Bei der vollständigen Öffnung zu einem bestimmten Feiertag fielen die Leute wie in Lourdes zu Boden. Eine unglaubliche Wirkung hatte das. Diese Menschen waren zutiefst bewegt. Und wenn die Oratorien-Konzerte nun voll sind, kann das sein, dass diese Wirkung der Kunst ihre letzte Zuckung erlebt.

Bedeutet das im Umkehrschluss: Jede musikalische Tradition entleert ein Werk?

Nein, die Hörer wurden längst durchs Kommerzdenken entleert. Mittlerweile ist es sogar schon wenig wahrscheinlich geworden, dass die Aufführenden das jeweilige Stück selbst ganz begreifen. Es ist doch auch erstaunlich, dass es kein Weihnachtsoratorium für das 21. Jahrhundert gibt. Dass man ständig auf ein Stück von 1734 zurückgreift. Wo gibt es jetzt denn ein musikalisches Äquivalent?

Wenn Konzerte voll sind, ist es doch ein Zeichen dafür, dass die Leute etwas suchen...

Vielleicht haben sie ein schlechtes Gewissen. Oder diese seltsame Panik nach dem Motto: „Ich brauche jetzt dringend eine Weihnachtsstimmung!“ Ich weiß noch, dass meine Frau und ich uns beim ersten gemeinsamem Weihnachten unserer Ehe versprochen haben, dass wir uns nie etwas zu Weihnachten schenken. Das haben wir bis heute eingehalten. Auch unseren Kindern haben wir nichts geschenkt. Wir haben uns gesagt: Weihnachten muss von sich aus wirken.

Sind für Sie Aufführungen des Weihnachtsoratoriums losgelöst von der Weihnachtszeit denkbar?

Nein. Wir sind für unsere Herbsttournee in Japan für Matthäuspassion oder Weihnachtsoratorium angefragt worden, da habe ich gesagt: Die können zahlen, was sie wollen, das kriegen sie nicht.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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