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Vergebliche Flucht: Katerina (Anja Kampe) und Sergej (Misha Didyk) beenden zwangsweise die Hochzeit, nachdem ihr ermordeter erster Mann gefunden wurde.

PREMIERENKRITIK

„Lady Macbeth“ in München: Tut gar nicht weh

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München - Harry Kupfer und Kirill Petrenko bringen Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Bayerischen Staatsoper heraus. Den Abend hätte man sich drastischer, grotesker vorstellen können.

„Jetzt bist du mein Mann.“ Etwas mehr könnte man sich schon freuen über die gelöste Aufgabe, vielleicht auch triumphieren. Doch hier: nüchterne Erkenntnis, auch Resignation. Der Angesprochene zündet sich eine Zigarette an, lächelt kalt. Ein anbetungswürdiger Beau? Dazu ist er dem gerade gemordeten Vorgänger zu ähnlich – aber womöglich steht Katerina ja auf feiste, neureiche Kaufmannstypen. Auch von diesem Klischee der „Lady Macbeth von Mzensk“ muss man sich also an diesem Münchner Premierenabend verabschieden, vom Muskelprotz, der die Anti-Heldin mit seiner Überdosis Testosteron herumkriegt.

Im Grunde ist Dmitri Schostakowitschs Opus eine gut geölte Überwältigungsmaschine. An der Bayerischen Staatsoper profitiert vor allem der Generalmusikdirektor davon. Kirill Petrenko, der vor 17 Jahren mit dem Stück an seiner ersten Chefstelle in Meiningen debütierte und eine spätere Wiener Staatsopern-Premiere absagte, wirft seine gesammelten Tugenden in den Ring. Wir hören also nicht gerade wenig, nämlich alles. Der Klang ist bis in die hinterste Partiturenecke mit der Feile behandelt. Immer wieder lässt Petrenko Detailbomben hochgehen. Einen trockenen, lakonischen Gestus vernimmt man oft, eine extreme rhythmische Schärfung, besonders aber ein Bayerisches Staatsorchester, das in bestechender Form spielt.

Vieles wird im Tempo bewusst überdreht. Die Aufgipfelungen erinnern in ihrem trennscharfen Bombast an Petrenkos „Frau ohne Schatten“ am selben Ort. Man hört und staunt und vermisst doch eine entscheidende Dimension: die Groteske, die dreckige Satire. Dort, wo Schostakowitsch Fratzen schneidet und Nasen dreht, bleibt es bei penibel gepuzzelter, dunkler Kulinarik. Diese Interpretation schüchtert ein, imponiert, sie springt einen aber nicht an. Bei der „Lady“ darf schließlich gelacht werden, nicht nur bei der erschlaffenden Posaune am Ende der Kopulationsmusik, auch an anderen Stellen, wenn der Komponist in den grellen, nihilistischen Sarkasmus abbiegt. In München ist das anders. Hier wird, ob im Graben oder auf der Bühne, große Oper gegeben – und das, obwohl es sich doch um kleine, schmutzige Notizen aus der Provinz handelt.

Brav an der Geschichte entlang erzählt

Sehr vielsagend ist das, dass sich Petrenko dabei mit dem fast doppelt so alten Regisseur trifft. Von Harry Kupfer hat keiner einen Bildersturm erwartet, aber wenigstens doch eine heftige Böe. Wieder vertraut er auf den grau-rostigen Monumentalcharme seines Dauer-Bühnenbildners Hans Schavernoch. Anfangs ist alles Industriehalle, Katerina haust in einem Eisenträgerzimmer. Das kann vom „Schäbigen“, hier ein offenbar alles steuernder Narr, per Fernbedienung nach oben und unten gefahren werden. Warum? Man weiß es nicht.

Mit zunehmender Akt-Zahl weitet sich die Szenerie, wird aufgerissen zu schönen, Weite und Freiheit verheißenden Eindrücken. Im Polizeirevier, eine der besten Humoresken Schostakowitschs, werden die Beamten auf rollenden Bürostühlen durch die Gegend gefahren. Der Einfall erschöpft sich schnell, dafür erlebt man mit Alexander Tsymbalyuk einen gnadenlos überbesetzten Amtschef. Ihm hätte man eigentlich die Partie des Schwiegervaters Boris geben sollen.

Auch Harry Kupfer, 1988 mit der „Lady“ schon einmal in Köln liiert, vertraut auf seine Tugenden. Immer an der Handlung entlang zu erzählen, ohne eine Figur zu denunzieren, das ist heute fast schon Avantgarde. Gezeigt wird eine Geschichte, die ins vorrevolutionäre Russland verlegt wurde und die nur gelegentlich, bei der erstarrenden Hochzeitsszene etwa, gebrochen wird. Gesellschafts- und Systemkritik darf sich jeder selber denken. Schuld? Verdammnis? So, wie Kupfer seine Katerina schildert, empfindet man Mitleid und Verständnis.

Anja Kampe ist die rotglühende Sonne, um die diese Aufführung kreist. Eine sehr menschliche, tief empfindende Katerina, unerschrocken, selbstlos und mit viel Sopransubstanz gestaltet. Die Partie wird nicht ans Deklamieren verraten, sondern tatsächlich (und bis zur Entäußerung) gesungen. Katerinas finaler Mord an der Nebenbuhlerin nebst eigenem Freitod passiert weit hinten vor dem Meeresprospekt, unsichtbar, fast wie ein Versehen. Vor der Drastik, das zeigt nicht nur dieser Moment, schreckt Kupfer trotz allem Realismus zurück. Das verursacht auch Peinliches. Man muss den Liebesakt zwischen Katerina und Sergej nicht unbedingt zeigen. Wenn alles jedoch in die Erotikgymnastik driftet, sollte man es besser bleiben lassen.

Manche Besetzungen sind problematisch

Misha Didyk gestaltet den Sergej konditionsstark, mit streng gebündelten, fast gleißenden Tenortönen, die sich durchs Orchester fräsen, als liebeskranker Knecht ist er bestenfalls querbesetzt. Eher provoziert das Gedankenspiele: Ob Sergey Skorokhodov, dieser in seinen Mini-Momenten so emphatische Sinowi, nicht besser geeignet wäre? Dafür gibt es auf den Nebenrollen-Positionen starke, schlüssige Studien, allen voran Anna Lapkovskaja als Sonjetka, auch Kevin Conners (Schäbiger), Heike Grötzinger (Axinja) und Goran Juri´c (Pope). Anatoli Kotscherga, lebende Legende des russischen Bass-Faches, verwaltet als Boris die Reste seiner einst raumgreifenden Stimme. Als Darsteller nimmt man ihm das geile Schwiegerpapamonster kaum ab, vokal ebenfalls nur in Spurenelementen. Vielleicht auch, weil Harry Kupfers Bemühen um Menschlichkeit und Verständnis das Existenzielle, Überbordende, Belästigende ausblendet. Eine süffige Sache, davon kündet nicht zuletzt der rauschende Jubel. Dabei braucht das Stück doch anderes. Es muss, egal ob Herz oder Zwerchfell betroffen sind, einfach wehtun.

Die Besetzung
Dirigent: Kirill Petrenko. Regie: Harry Kupfer. Bühne: Hans Schavernoch. Kostüme: Yan Tax. Video: Thomas Reimer. Chor: Sören Eckhoff. Darsteller: Anatoli Kotscherga (Boris), Sergey Skorokhodov (Sinowi), Anja Kampe (Katerina), Misha Didyk (Sergej), Kevin Conners (Schäbiger), Goran Juri(´c) (Pope), Alexander Tsymbalyuk (Polizeichef), Anna Lapkovskaja u.a.

Die Handlung
Katerina ist unglücklich mit Kaufmann Sinowi verheiratet. Dazu kommen noch die Anzüglichkeiten ihres tyrannischen Schwiegervaters Boris. Katerina beginnt eine Affäre mit Knecht Sergej. Nachdem Boris ihn auspeitschen ließ, vergiftet Katerina den Schwiegervater. Die Liebenden werden vom heimkehrenden Sinowi überrascht. Sie bringen den Ehemann um und verstecken seine Leiche. Als beide heiraten wollen, wird die Leiche entdeckt. Sie werden zur Zwangsarbeit verurteilt. Sergej macht einer Mitgefangenen schöne Augen, Katerina tötet sich und ihre Nebenbuhlerin.

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