Harry Potter spricht im Internet deutsch

- München - 140 Tage für 768 Seiten. So lange benötigt der Carlsen Verlag, um den neuen Harry Potter zu übersetzen. Erst am 8. November soll die deutsche Ausgabe des fünften Bandes erscheinen. Für echte Fans eindeutig zu spät. Dass es auch schneller geht, zeigt die Internetgemeinde harry-auf-deutsch.de. Binnen zehn Tagen übersetzten sie gemeinsam das neue Abenteuer des Zauberlehrlings.

<P>"Inzwischen haben wir von jedem Kapitel fünf deutsche Fassungen", sagt Bernd Koeleman, Initiator des Projekts, nicht ohne Stolz. An der Arbeit hätten sich fast 300 Fans aus ganz Deutschland beteiligt - vorwiegend Schüler.<BR><BR>Das Prinzip ist ganz einfach: Jedem Interessierten, der sich im Internet registriert, werden vier bis fünf Seiten zugeteilt. Die Übersetzung schickt man zurück und bekommt - quasi als Honorar - die Teile der anderen Übersetzer. Den Originaltext müssen sich die Fans allerdings selbst beschaffen. Ein Team von Lektoren stellt schließlich aus den besten Übersetzungen eine Gesamtausgabe zusammen. <BR><BR>"Das Projekt ist aus der Not geboren", sagt Koeleman. Als die englische Ausgabe des vierten Bandes erschien, habe ihn seine Tochter gedrängt, das Buch zu übersetzen. Da es ihm allein zu viel Arbeit war, startete er einen Aufruf im Internet. Innerhalb weniger Wochen war das ganze Buch übersetzt. Für den Germanisten war das Projekt damit beendet, doch die Fans wollten weiter über ihren Zauberlehrling diskutieren. So blieb die Internetseite im Netz - und entwickelte sich zu einem beliebten Fan-Treffpunkt.<BR><BR>"Mein Ziel ist es, Jugendliche zu ermutigen, ihre Sprachkenntnisse zu nutzen", sagt Koeleman. Gefragt seien keine perfekten Übersetzungen, sondern Texte, "denen man den Spaß an der Arbeit anmerkt". In einem eigenen Forum diskutieren die Teilnehmer über die passendste Übersetzung immer wiederkehrender Ausdrücke. So tauchte die Frage auf, ob man "extendable ears" mit "lang gezogenen Ohren" übersetzen sollte oder mit "Segelohren". Schließlich einigten sich die Fans auf die Wortneuschöpfung "Stielohren".<BR><BR>Äußerst kritisch bewerten die Hobby-Übersetzer die Arbeit ihrer Kollegen beim Carlsen Verlag. In einer eigenen Rubrik prangern sie Übersetzungsfehler in den bisher erschienenen Bänden an - kombiniert mit Verbesserungsvorschlägen.<BR><BR>"Keine Übersetzung ist perfekt", kontert Katrin Hogrebe, Pressesprecherin beim Carlsen Verlag. Sollten sich Ungenauigkeiten eingeschlichen haben, würden sie natürlich korrigiert. Die Aktivitäten der "harry-auf-deutsch"-Gemeinde duldet der Verlag. "Im privaten Rahmen sind Übersetzungen nicht zu beanstanden", sagt Hogrebe. Gleichzeitig räumt sie aber ein, dass das Angebot juristisch genau geprüft wurde. Eine Urheberrechtsverletzung liege derzeit nicht vor. Einzige Beanstandung: Die Übersetzungsproben aus dem neuesten Band mussten von der Seite verschwinden.</P>

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