Hart an der Scherzgrenze

- Sie standen für erdig-freche Frauenpower aus dem Ruhrpott, sie waren die Sprachröhren im Kampf gegen "die" Männer, die nichts merken, noch nicht einmal, dass das Klopapier zur Neige geht. Stephanie Überall und Gerburg Jahnke alias Missfits - immer für eine Attacke auf Machos und Schnarcher gut, zumal in ihren Rollen als schon legendäres "Graue Panther"-Pärchen Matta und Lisbett. Kerle?

<P>Alles Nieten - auch im Bett. Ob sich daran etwas geändert hat in den letzten 20 Jahren? Wie dem auch sei, die Missfits haben die "Letzte Runde" eingeläutet - so auch der Titel ihrer Abschieds-CD. Und natürlich bleiben sich Jahnke und Überall auch im Finale treu, dreschen auf die Typen ein, jubeln über Tyrannen, die sie überlebt haben, tanzen und singen auf Särgen ("Fritz ist tot") - alles hart an der Scherzgrenze. Ein Leben lang hat frau gelitten, jetzt holen sich Matta und Lisbett, was ihnen vorenthalten wurde. Zwei alte Schachteln trinken sich Mut an (mit Eierlikör, der Droge der Hausfrau) und befreien sich, auch sexuell.</P><P><BR>Wie gut, dass die Kabarettistinnen aus dem nordrhein-westfälischen Oberhausen auch die Frauen sehr genau beobachtet haben und neben frontalen Attacken aufs andere Geschlecht subtilere Nummern über ihresgleichen präsentieren ("Greta und Brigitte"). Fehlende (weibliche) Solidarität und fehlendes Selbstbewusstsein als Gründe, warum die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Dass das alles nicht mehr ganz so gut kommt, hat sicher nichts mit mangelnder Bühnenpräsenz oder mangelndem komischem Talent zu tun. Schon eher damit, dass die Sujets nicht neu sind und die Zahl der Epigonen groß. Und trotzdem lohnt sich's reinzuhören in "Letzte Runde", nicht zuletzt wegen der musikalischen Arrangements - und wegen des allerletzten Titels. "Kinder an die Wand" - die bitterböse Umdichtung eines Liedes von Herbert Grönemeyer, die an den anarchischen Charme der frühen Missfits-Jahre erinnert.</P><P> </P><P> </P>

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