Harte Schale ohne Kern

- Nein, ein nostalgischer Rummelplatz-"Liliom" ist das nicht. Christine Eder inszenierte fürs Münchner Volkstheater nach ihrem fulminanten "Frühlings Erwachen" (Wedekind) nun Franz Molnárs ungarische "Vorstadtlegende", uraufgeführt 1909. Trotz Sturmgetöses kamen die Fans von Christian Stückls Bühne zur Premiere am Donnerstagabend.

Manche hatten sicher von dort noch Hans Brenner als Karussell-Bursch Liliom im Gedächtnis, jenes Urbild des Strizzis. Er verkörperte wundervoll selbstironisch seine Spezialmischung aus Marlon-Brando-Sexappeal und k.u.k-Schmäh.

Drama der Sprachlosigkeit

Eder aber treibt dem Stück, das Alfred Polgar ins Deutsche übersetzt und zum Erfolg geführt hat, jegliche Prater-Seligkeit aus. Etwas gestrafft, wird "Liliom" ein Drama der Sprachlosigkeit im Geiste einer Fleißer, eines frühen Kroetz oder Sperr. Kein Ringelspiel dreht sich in sanfter Vergangenheitssehnsucht; vielmehr startet die Inszenierung mit dem brüllenden Lärm von Hightech-Fahrgeschäften. Raffiniert simpel ist Monika Rovans Bühne: eine große Drehscheibe. Blinklichter-Kreise und rasende Lichtpunkte in totaler Schwärze vermitteln den tollen Nervenkitzel. Dann: Licht an. Und die Illusion fällt zur Banalität des billigen Vergnügens zusammen.

Genauso ergeht es Liliom: Ein "Hund" ist er -­ die Frauen sind hinter ihm her, weil er ein pfiffiger Freizeit-Animateur ist, die Männer respektieren ihn, weil er keiner Rauferei aus dem Weg geht. Allerdings gestehen weder die Regisseurin noch Schauspieler Nicholas Reinke ihrem Liliom diesen Reiz zu. Von vornherein ist bei ihm "Licht an" und die Illusion weg. Ein ausgesprochen dummer Macho stellt sich dauernd in Positur, natürlich breitbeinig, betatscht Frauen oder schlägt sie. Den erwischt die Liebe zu Julie völlig unvorbereitet. Umgehen kann er damit nicht; selbst dann nicht, als er nach 16 Jahren Fegefeuer auf Bewährung für einen Tag wieder auf die Erde darf.

Das ist konsequent aus Molnárs Text heraus inszeniert, der überraschend aktuell wirkt, und entspricht dem Cool-Sein-Wollen vieler heutiger Jugendlicher. Verletzlichkeit ist tabu. Deswegen bleibt auch die herbe Julie der zu farblosen Ines Schiller ebenfalls ein in sich fast ganz abgekapseltes Wesen. Das Problem ist allerdings, dass die beiden jungen Darsteller diesen harten Schalen keinen weichen Kern erspielen können -­ und von der Regisseurin wohl auch keine Hilfe bekamen.

So erzeugt die -­ durchaus richtige -­ Kälte der Inszenierung beim Publikum schnell Gleichgültigkeit. Es gibt einfach zu wenige intensive Bilder wie das "Gespräch" zwischen dem Toten und seiner Julie. Wie eine Gliederpuppe setzt sie ihn zurecht, bewegt seinen Kopf, als würde er antworten, und ist selbst im Angesicht des Todes nicht imstande, ihr Liebesgeständnis über die Lippen zu bringen. Auch Reinkes Tanz im Totenreich -­ nach dem Motto "endlich bin ich der Star" -­ gehört zu den Höhepunkten. Da fühlt sich der Schauspieler sichtlich wohler als während der übrigen Zeit. Von solchen Momenten her hätte Christine Eder die Figuren entwickeln müssen.

Neben Liliom und Julie werden die anderen Personen wie die Fahrgeschäft-Besitzerin Frau Muskat (Sophie Wendt) oder Julies Freundin Marie (Stephanie Schadeweg) als Karikaturen gezeigt. Nur Wendt kann ihrer "Schlampe" ein paar Farbtupfer hinzufügen. Insgesamt ist Eders "Liliom" der stumpfe Bruder des Volkstheater-"Woyzeck" und probiert‘s uncharmant mit dem "ewig‘ Leben" vom Brandner Kaspar.

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