Hartmanns "Romeo und Julia" fällt durch

Wien - Es regnet Leichenteile. Die Bühne ist übersät mit verstümmelten Körpern und abgetrennten Gliedmaßen. Inmitten dieses apokalyptischen Szenarios, in dem keine Liebe mehr möglich ist, stirbt das berühmteste Liebespaar der Weltliteratur seinen Liebestod.

Anschließend werden Romeos und Julias Körper von nackten, blutverschmierten Zombies in Stücke gerissen. Diese Interpretation von William Shakespeares Tragödie "Romeo und Julia", die am Donnerstagabend im Wiener Burgtheater Premiere hatte, gefiel dem Publikum nicht: Nachdem der Vorhang gefallen war, gab es matten Applaus und Buhrufe, die sich zu einem wahren Sturm steigerten, als Regisseur Sebastian Hartmann die Bühne betrat.

Die drastischen Bilder am Ende der Aufführung kontrastieren mit den idyllischen zu Beginn. Das farbenprächtige Bühnenbild (Jürgen Bäckmann) zeigt eine sanfte Landschaft, in der sich malerisch eine Ruine erhebt. Wenn es die Handlung verlangt, wächst ein mit edlen Hölzern getäfelter Palast aus der Erde. Der Himmel erscheint in strahlendem Blau oder rot gefärbt von der auf- beziehungsweise untergehenden Sonne.

Als sich Romeo (Sven Dolinski) und Julia (Julia Hartmann) begegnen, zieht ein Meteor über das mit Sternen behangene Firmament. Doch entstehendes Pathos wird von Regisseur Hartmann, ab Herbst 2008 neuer Intendant des Schauspiels Leipzig, immer wieder gebrochen. Nachdem zum Beispiel die beiden jungen Liebenden verzweifelt voneinander Abschied genommen haben, verbeugen sie sich vor dem Publikum für ihre Darstellung und legen einen Walzer aufs Parkett.

Vom "Donauwalzer" über Elektropop bis hin zu sphärischen Klängen ertönt viel Musik vom Band, teilweise übernimmt sie die Funktion von Filmmusik. Auch andere Stilmittel des Kinos kommen zum Einsatz, etwa Zeitlupeneffekte in den Fechtszenen. Die einzelnen Szenen fließen ohne harten Schnitt ineinander über, mitunter laufen eigentlich aufeinanderfolgende Szenen gleichzeitig ab. Die Kostüme (Moritz Müller) entsprechen jener Zeit, in der Shakespeare sein Drama angesiedelt hat: der Frührenaissance. Auf die damals umgehenden Pestepidemien beziehen sich die morbiden Schlussbilder.

Eine in der ersten Burgtheater-Produktion der Saison zentrale, bei Shakespeare selbst nicht existierende Figur ist der allgegenwärtige "Geist" (Mareike Sedl). Dieses gespensterhafte Wesen übernimmt manchmal den Text anderer Figuren - etwa in der berühmten Balkonszene - flüstert ihnen ins Ohr oder trägt Regieanweisungen vor. Die meisten Nebenfiguren (unter anderen Martin Schwab) sind als Karikaturen angelegt, die mitunter durch Slapstick-Einlagen für Lacher sorgen. Differenziert gezeichnet hingegen sind Bruder Lorenzo (Thomas Lawinky), ein zorniger, mit der Vorsehung hadernder Mönch, und die Amme (Kirsten Dene), eine höchst menschliche Figur, in deren schnippischen Bemerkungen der Witz der Übersetzung von Thomas Brasch zur Geltung kommt.

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