Ihr Hass heißt Einsamkeit

- Anfangs ist sie eine Göre, eigensinnig, selbstbewusst und fast platzend vor Lebenskraft. Am Ende ist Medea zerbrochen an der Feindseligkeit der Fremde, am Verlust der Liebe. Dass sie ihre Kinder tötet, ist nicht Rache, sondern ein Akt höchster Einsamkeit.Auf Medeas Schicksal konzentriert Stephan Kimmig seine Inszenierung der Trilogie "Das Goldene Vließ" von Österreichs Nationaldichter Franz Grillparzer (1791-1872) am Wiener Burgtheater. Kimmig spitzt die antike Tragödie auf ein Beziehungsdrama zu und schafft eine Verbindung ins Heute. Die Premiere am Freitagabend endete mit Jubel für den Regisseur und das Ensemble, vor allem für die junge Birgit Minichmayr als Medea.

<P>Kimmig zeigt das komplette, dreiteilige Drama an einem Abend und hat dafür Grillparzers Text radikal gekürzt. In 20 Minuten erzählt er die Vorgeschichte "Der Gastfreund", in der die düsteren Geschehnisse ihren Ausgang nehmen: Der Grieche Phryxos (Daniel Jesch) bringt auf Geheiß des Orakels in Delphi das Goldene Vlies nach Kolchis. Dessen König, Medeas Vater Aietes (Michael König), missachtet das Gastrecht und tötet den Phryxos, der im Sterben einen Fluch ausspricht. Für "Die Argonauten" mit Jasons (Michael Maertens) Ankunft in Kolchis, der schicksalhaften Begegnung mit Medea, dem Sieg der Griechen über Kolchis bis zum Entschluss Medeas, mit Jason die Heimat und den Vater zu verlassen, genügen dem Regisseur 45 Minuten.<BR><BR>"Medea" schließlich wird zum Schwerpunkt des Abends. Der schäbige Tanzsaal von Kolchis aus dem ersten Bild, in dem die jugendliche Medea mit ihren Freundinnen eine Choreographie probte, ist einer einst eleganten Hotelhalle gewichen. Als sei sie von einem Fest übrig geblieben, lungert Medea in einer Ecke und spielt mit einem ferngesteuerten Auto.<BR><BR>Als Jason eintritt, ist klar: auch dieses Fest, die schicksalhafte Liebe ist vorbei. Der mutige, tatkräftige junge Mann von einst ist zu einem kraftlosen, gehemmten Intellektuellen geworden. Die geheimnisvolle, impulsive Medea passt nicht mehr in seine Welt.<BR>Dass Kreon (Johannes Terne), der die beiden aufgenommen hat, Medea in die Verbannung schickt, kommt Jason nicht ungelegen. Doch Medea will sich nicht abfinden mit dem Verlust der Liebe. Als sie ihn verzweifelt an das in Kolchis gegebene Versprechen erinnert, "ein Haus, ein Leib und ein Verderben", wendet er sich ab.<BR><BR>Emotionale Glaubwürdigkeit und psychologische Feinheit</P><P>Sein Einlenken, sie solle eines der Kinder mitnehmen, wird zu einem letzten Verrat, an dem sie zerbricht. Minichmayr gelingt es, ihrer Figur auch in der größten Verzweiflung ihren Stolz zu belassen. Ihre Liebe wird zu Hass, ihr Hass heißt Einsamkeit.<BR>Kimmig zeigt mit seinem konzentriert, mit großer sprachlicher Genauigkeit und emotionaler Glaubwürdigkeit agierenden Ensemble die psychologische Dramatik hinter der antiken Tragödie. </P><P>Die kräftigen Kürzungen nehmen dem Grillparzer-Text weitgehend die pathetische Schwere, ohne die kunstvolle Konstruktion und die psychologische Feinheit der Dialoge zu verwischen. Den Darstellern gelingt es, ihren Gestalten über die sperrigen Verse hinweg auch sprachlich eine heutige Ausstrahlung zu verleihen.<BR></P>

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