Vom Hass in der neuen Heimat - Treffen der Bayerischen Theaterjugendclubs in München

München - Ein zartes Mädchen steht auf der Werkraum-Bühne und erzählt in überschwänglicher Emphase von einem Mädchen, das in Deutschland eine Heimat sucht, aber nicht einmal ein Zuhause findet. Dann, plötzlich, flippt das zarte Mädchen auf der Bühne völlig aus: "Ich bin eine Ich-Maschine, ich bin eine Ich-AG!", brüllt es, immer wieder, zu harten Bässen in sein Mikro.

Es tickt erst Minute eins des dritten Treffens Bayerischer Theaterjugendclubs, doch schon ist klar, worum es an diesem langen Wochenende geht: Es gilt, gehört zu werden. Es gilt, sich auszutauschen. Freilich nicht unter dem jeweils individuellen Aspekt der einzelnen Ensembles, sondern nach Themenvorgabe durch die Münchner Kammerspiele. Deren Spielzeitmotto heißt "Migration". Das jugendliche Forum dazu sollten nun die jungen Laien liefern.

Das zarte Mädchen ist nur eine von rund 230 Jugendlichen, die dazu aus Augsburg, Memmingen, Fürth, Hof, Bamberg, Erlangen, Coburg, Ingolstadt, Landshut, Nürnberg, Würzburg und München zusammengekommen sind. Ihre Stücke, die sie seit einem Jahr für dieses Treffen vorbereiten, handeln vom Ich und vom Anderen, von den Beweggründen, die alte Heimat zu verlassen, von Hass und Vorurteilen in der neuen Heimat, von den Unmöglichkeiten und von den Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens.

Einzig der zehnköpfige Jugendclub des Nürnberger Staatstheaters (Leitung: Hartmut Neuber) ist mit einer zwei Jahre alten Produktion eingeladen worden. "Weil euer Stück so gut auf unserem Thema sitzt", erklärt die Theaterpädagogin der Kammerspiele Elke Bauer, die für das Münchner Treffen verantwortlich ist. "Sorry, Sister!" (Sonntag, 14.30 Uhr, Werkraum) ist die Abschlussvorstellung des Festivals und bewegt sich irgendwo zwischen Krimi, Tragödie und Parodie.

Aufbereitung brisanter Themen

Die retrospektive Geschichte um den seltsamen Neuen, den türkischen Jungen Erkan, der mit jedem Mädchen aus der Klasse anbandelt und irgendwann tot in einer Schlucht gefunden wird, ist von erschütternden Zeitungsmeldungen um Ehrenmorde und von Außenseitern wie Kaspar Hauser inspiriert. Sie hat nach der Premiere auch kritische Stimmen provoziert.

"Da wurde uns vorgeworfen, sehr rassistisch zu sein", berichtet Sophia Lierenfeld. Doch sie und die anderen jungen Darsteller zwischen 18 und 20 Jahren sind froh über die Kritik und reagieren wie Profis - mit Publikumsgesprächen. "Erkan ist ein Einzelfall, der ins Extreme gezogen wurde", erklärt Sophia. "Es geht mehr um den Menschen und nicht um seine Nationalität."

Kann das Theater mit der Aufbereitung so brisanter Problematik wirklich etwas bewirken? "Wir wollen die Leute dazu anregen nachzudenken", sagt Sophia. Und auch ihre Mitspielerin Konstanze Fischer muss nicht lang überlegen: "Mit Theater kann man viel bewegen. Das finde ich wichtig. Man darf aber auch nicht vergessen, dass immer viel Spaß dabei ist."

Daran, dass die einzelnen Gruppen an diesem Wochenende auch in Konkurrenz zueinander treten, weil am Ende ein Publikumspreis vergeben wird, denkt hier übrigens niemand. Im Gegenteil: "Es ist eine Riesen-Chance, weil man so viele Erfahrungen mitnehmen kann", schwärmt Konstanze. "Wir können alle voneinander lernen und zuschauen und miteinander lachen und miteinander diskutieren. Es ist einfach toll, dass es so was gibt."

Vorstellungen

Samstag und Sonntag ab 10.30 Uhr; www.muenchner-kammerspiele.de.

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