Er hatte seinen eigenen Kopf

- Sie könnte doch ganz bequem dasitzen, die ältere Frau. Der geflochtene Sessel erinnert an Sommerfrische und Mußestunden im Garten. Aber Sophie beugt sich angespannt vor - hin zu ihrer Lektüre, an gemütliches Anlehnen ist nicht zu denken. Die Schultern sind straff, die Hände halten das Buch empor, lassen es nicht auf den Schoß sinken, obwohl das kommod wäre. Auch das Kleid und der feste, eher dünne Haarknoten betonen Korrektheit und Haltung. 1902 malte Franz Marc (1880-1916) seine Mutter in der gedämpft farbigen Manier der Münchner Schule - einen Hauch aufgelockert durch Pinselstrich-Lässigkeit. 1900 war der 20-Jährige in die Kunstakademie eingetreten, wollte also doch Maler werden wie der Vater Wilhelm (1839-1907). Auch der wurde porträtiert - als entspannter, versonnener Mann.

Baby-Bild im Bild

Beide Gemälde stehen am Anfang der großen Retrospektive "Franz Marc", die Münchens Lenbachhaus plant und die am 17. September beginnt (als Medienpartner der Ausstellung berichteten wir bereits mehrfach). Beide Werke markieren zugleich den Ausgangspunkt des jungen Malers Franz, der noch weit entfernt war von dem Quantensprung in die Moderne. An der Akademie hatte er sich zunächst mit Anatomie beschäftigt, ging dann in die Klasse von Wilhelm von Diez. Marc setze beim "Bildnis der Mutter" sein Handwerkszeug bereits klug ein, charakterisierte hellsichtig diese Frau: durch die Situation des Lesens als Arbeit. Allerdings umschmeichelt er die Figur mit einem Schal, der aus einem lockeren Gewebe besteht - hingetupft in Rot, Dunkelgelb und Rosa.

Das Weiche, Fröhliche findet sich auf andere Weise an der Wand hinter Sophie Marc wieder. Dort ist ein Baby-Bild zu entdecken: Ein munteres Bobberl krakelt da energisch herum. Das linke Fäustchen entschlossen um einen Stift oder Stichel geschlossen, "zeichnet" der Kleine. Ein heiterer, selbstironischer Kommentar von Marc - ein "Selbstporträt"? - zu den eigenen künstlerischen Unternehmungen. Ein lustiger und nachdenklich stimmender Kontrast zu der verkrampften Körpersprache der Mutter.

Die Kunsthistoriker vermuten, dass Marc mit diesem "Dialog" auch auf Friedrich Nietzsche reagiert hat. Der will im Kind ein Zeichen für das Schöpferische sehen. Der Stift/Stichel wird als Messer gedeutet, Nietzsche-Metapher für den formgebenden "männlichen Geist". Mögen diese Interpretationen ausgefallen wirken, so verweisen sie doch auf Marcs heiße Lektüre des Philosophen, überhaupt auf dessen Vorliebe für komplexe Denkwelten. Sie war mit ein Grund für den jungen Marc, Pfarrer werden zu wollen. Da er aber harsche Lehrgebäude nicht vertrug, suchte er, nach kurzem Liebäugeln mit einem Lehramtsstudium, die intellektuelle Herausforderung in der Kunst. Nur konsequent, dass er schon 1903 nach einer Frankreichreise die Lehrinstitution Akademie verließ.

Französisch war für Franz kein Problem, denn seine Mutter (1847-1926), eine geborene Gebweiler, stammte aus dem Elsass und war in der französischen Schweiz aufgewachsen. Sie war Calvinistin und wohl eine starke Persönlichkeit: Ihr Mann Wilhelm Marc, den sie 1877 in München geheiratet hatte, konvertierte vom Katholizismus zum Protestantismus. Die Buben Paul und Franz, katholisch getauft, wurden schließlich protestantisch erzogen.

Marie und Maria

Marc war also in gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen - der Opa war sogar mit einer Freiin von Pelkoven verehelicht -, dennoch nicht in angepasst-bayerischen Strukturen. Aber der Künstler behielt auch gegenüber der Familie seinen ganz eigenen Kopf - und musste viel Druck ertragen: Sie bekrittelte, dass jahrelang nichts Gescheites aus dem jungen Maler wurde. Er versuchte, mit Kunsthandel und Malunterricht ein bissel Geld zu verdienen. Außerdem war sein Lebenswandel recht "unkonventionell". Da war zunächst die neun Jahre ältere, verheiratet Annette Simon, Mutter zweier Töchter. Da waren Maria Franck, eine Berliner Kunststudentin, und Marie Schnür, Malerin. 1906 im Sommer lebten sie gar zu dritt in Kochel. Noch komplizierter wurden die Liebesverwirrungen, als Marc 1907 Schnür heiratete. Nur so konnte sie ihren unehelichen Sohn Klaus zu sich nehmen. Franz Marc, der die Beziehung zu Maria Franck nie aufgegeben hatte, wohnte schon im Sommer 1908 mit ihr in Lenggries und ließ sich im Juli von Marie Schnür scheiden. Den Dispens für eine neue Eheschließung erhielten beide erst 1913.

Auch in der Kunst folgte Marc kompromisslos seinem großen Herzen. Obwohl 1910 noch Einzelkämpfer als Mal-Revoluzzer, verteidigte er die Ausstellung der "Neuen Künstlervereinigung München" mit ihren Werken von Kandinsky bis Picasso gegen wutschäumende Kritik und schrieb selbst eine Besprechung der Schau. Damit war die Basis für eine faszinierend fruchtbare Zusammenarbeit gelegt, die im "Blauen Reiter" mündete. (Wird fortgesetzt.)

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