„Da hatte ich das Werk vor Augen“

München - Zur Ballett-Festwoche spricht Choreograph John Neumeier über „Illusionen wie Schwanensee", Ludwig II. und seine Schlösser.

-Herr Neumeier, es war Jürgen Rose, der Ihnen von Ludwig und seinen Schlössern vorschwärmte...

Und da passierte etwas, was ganz selten ist: In dem Moment hatte ich das ganze Ballett vor Augen, fast so, wie es im fertigen Zustand geworden ist. Wir haben dann mehrere Tage Ludwigs Schlösser besichtigt. Aber erst am letzten Tag in Herrenchiemsee haben wir die bildliche Essenz für das Ballett gefunden: Da war so eine Tür mit Besen und Eimer davor. Wir haben gefragt, ob wir da reindürften. Es waren unfertige Räume. Und diese Backsteinmauern hatten eine so starke suggestive Kraft, man spürte förmlich die Präsenz von Ludwig, man bekam ein Bewusstsein von seinen Wünschen und Visionen, von dem „Unfertigen“ seines Lebens. Was man sieht, wenn der Vorhang aufgeht, ist eine Nachbildung des unfertigen Raumes von Herrenchiemsee.

-Dennoch erzählen Sie nicht dieses Leben nach.

Mit einer Kunstform wie Ballett kann man keinen Dokumentarfilm machen. König Ludwig II., der „Schwanensee“-Prinz Siegfried und Peter Tschaikowsky - wenn man sie zusammendenkt, mit ihren Gefühlswelten, in denen sich Parallelen zeigen, resultiert daraus, glaube ich, die Hauptfigur meines Balletts. Was die Homosexualität betrifft, damit gehen die Menschen heute sicher freier um. Wobei für ein Staatsoberhaupt nach wie vor andere Gesetze gelten. Aber es sind ja viele verschiedene Aspekte, die diesen König ausmachen. Ein ganz wichtiger Punkt ist seine Neigung, seine Vision, Dinge zu bauen. Er ist auch teilweise selber Künstler und auch als Künstler nicht ganz verstanden.

-Wie gestaltet sich das Ineinander von realer Gegenwart des Königs und seinen „Illusionen“?

Zu Beginn des Balletts für wahnsinnig erklärt, stößt er in diesem unfertigen Raum auf ein „Schwanensee“-Bühnenbildmodell. In dem Moment erklingt der zweite Akt von Tschaikowskys „Schwanensee“. Und er erlebt nun dieses Ballett, ähnlich wie Ludwig II. damals seine separaten Opern-Vorstellungen. Später, auf einem Maskenball, ahmt seine Verlobte Natalie die Schwanen-Königin nach, also das einzige Wesen, das er lieben könnte. Indem sie das Originalballett heraufbeschwört, produziert Natalie eine Art Illusion, mit der sie hofft, den König doch noch für sich zu gewinnen.

-Sprung in I h r e Realität: Das große Hamburger Ensemble seit 1973, die kontinuierlichen Kreationen - es sind ja bereits 130 Werke, breit gefächert vom Erzähl- und sinfonischen Ballett bis zum Musical; die Einstudierungen auf der ganzen Welt; eine Schule, ein Museum, eine Sammlung, eine Stiftung - wie schaffen Sie das alles?

Und jetzt versuche ich noch, eine neue Compagnie, das „Bundesjugendballett“, auf die Beine zu bringen... Also Will Quadflieg wurde mal von einem Journalisten gefragt, wie er das mache mit diesen tausenden von Gedichten in seinem Kopf. Und er meinte: „Lieber nicht dran denken, sonst funktioniert es nicht mehr.“ Ich fühle mich auch gar nicht gestresst im negativen Sinn. Die Kreativität gibt mir ja eine große Freude. Alles andere versuche ich so in etwa wie Ringe um die Kreativität herum zu erledigen.

-Und deswegen können Sie auch nicht kochen und nicht Auto fahren?

(Mit sympathischem Grinsen) Nein, nicht mal ein Fahrrad.

-Trotzdem, bei anderen hinterlässt solche Übermensch-Arbeit sichtbare Spuren. Sie dagegen sehen in jedem Lebensabschnitt blendend aus.

Ich bin nicht geliftet oder so was (lacht herzlich). Gut, ich trainiere jetzt mit einem Crosstrainer, versuche auch gesund zu leben. Aber ich schone mich nicht, wenn es um Schlaf geht.

-Jetzt steht ja auch die Sicherung Ihres Lebenswerkes an.

Richtig, meine Choreographien, aber auch die Sammlung. Ich fing an mit einem Buch, das ich in Cleveland gekauft habe für 8,50 Dollar. Inzwischen hat es einen riesigen Wert. Ich denke, dass die Lizenzen und Tantiemen für meine Werke die Sammlung und meine Bibliothek weiter unterstützen können. Aber das Ganze ist schon eine Belastung. Man denke nur an die Sammlung von Margot Fonteyn, die in alle Windrichtungen verkauft wurde. Keinen Menschen in England hat es interessiert, sie in ihrem Andenken zusammenzuhalten oder an das Viktoria Albert Museum zu geben. Das macht einen schon traurig. Natürlich will man nicht so unbedingt an den Nachlass denken, wenn man noch mitten in der Arbeit steht. Aber ich glaube, ich bin pragmatisch genug, um jetzt einen Plan zu erarbeiten, wie es über meinen Tod hinaus mit meinem Lebenswerk weitergehen soll.

Das Gespräch führte

Malve Gradinger.

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