Der Hauch einer keuschen Distanz

- Vor ein paar Monaten, am Karfreitag in der Münchner Philharmonie, hat er noch einmal demonstriert, was seinen Evangelisten in Bachs Matthäuspassion so einzigartig macht: die durchgängige Textverständlichkeit, die finessenreiche Rhetorik, eine unnachahmliche Stimmführung, die sich zwischen Deklamation und Singen bewegt, das Verbinden von intelligenter Reflexion und lebhafter Anteilnahme und, vielleicht das Wichtigste, eine Frische des Vortrags, die dem Zuhörer das Gefühl gibt, hier erlebe der Evangelist das Passionsgeschehen tatsächlich zum ersten Mal. Und das, obwohl Peter Schreier die Partie nach eigenen Angaben "mehrere Hundert Mal" gesungen hat.

Platz im Sänger-Olymp

Auch wenn Schreier heute seinen 70. Geburtstag feiert, so ist er noch vokal aktiv. Dies meist in der Doppelfunktion als dirigierender Evangelist, die er aber lediglich bis Jahresende ausüben wird. Dann, nach einer finalen Serie von Weihnachtsoratorien, will einer der bekanntesten Tenöre des 20. Jahrhunderts verstummen, um sich "nur" noch dem Dirigieren zu widmen.

Den ewigen Platz im Sänger-Olymp sichert Peter Schreier neben seinen Schubert-Liedern vor allem die Interpretation Bach'scher Musik. Eine Musik, in die der gebürtige Meißener durch die Mitgliedschaft im Dresdner Kreuzchor gleichsam hineingewachsen ist. Schreier war dort zunächst Knaben-Alt, später Tenor und nach dem Abitur auch Stimmbildner. Das Studium trieb ihn zur Oper, 1957 debütierte Schreier in Dresden, sechs Jahre später wurde er erster lyrischer Tenor der Deutschen Staatsoper Berlin.

Der internationale Durchbruch erfolgte 1967 als Tamino in der Salzburger "Zauberflöte", in einem Fach also, das Schreier einen Titel sicherte: Mozart-Tenor. Die Partien dieses Komponisten wurden zu seiner Domäne, das sehr helle, obertonreiche und biegsame Organ gab den Interpretationen stets etwas Kultiviertes, aber auch den Hauch einer keuschen Distanz. Später, als die Stimme sich weitete und nachdunkelte, wagte sich Schreier unter anderem an Pfitzners "Palestrina" sowie an Wagners David ("Meistersinger") und den Loge ("Rheingold"). Besonders der Loge, den er als intellektuellen Zyniker sang und spielte, überraschte, galt Schreier doch sonst als zurückhaltender, fast neutraler Darsteller.

Als Dirigent fühlt sich Schreier der dramatischen, klangsatten Leipziger Tradition verpflichtet, wurde aber maßgeblich von Nikolaus Harnoncourts Barockrhetorik beeinflusst. Oft trat der Sachse in München auf: an der Staatsoper in seinen Glanzrollen, auf dem Konzertpodium meist mit dem Münchener Bach-Chor, dem er auch den neuen Chef Hansjörg Albrecht vermittelte. Und mit diesem Ensemble wird Peter Schreier demnächst noch einmal das Weihnachtsoratorium einspielen: das wohl letzte Zeugnis seiner Bach-Interpretation, die mindestens für die nächsten Jahre unerreichbar bleiben wird. Denn Nachahmer mag es geben, einen Nachfolger nicht.

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