Hauch einer Landschaft

- Stressbeständigkeit und Intelligenzquotient, Statusanfälligkeit und Leistungsbereitschaft, Flexibilität und Durchsetzungskraft steht auf den kleinen Schaltern und Drehrädchen drauf. Die Maschine ist über einen Gehirnaufsatz mit dem Stuhl verbunden. Dieses "assessment center", dieses (Be-)Steuerungsinstrument, das so fatal an eine Zuchtmaßnahme oder den elektrischen Stuhl erinnert: Lenkt es oder misst es?

<P>Das Rednerpult nebenan lässt Schlimmstes befürchten. Scheinheilige Ausflucht bietet der Notknopf mit der zweideutigen Aufforderung "Drücken Sie!". Ein Arrangement also, das auf hinterhältige Weise das rationalisierte Sozial- und Arbeitsleben greifbar vor Augen führt. Mit dieser wunderbar engagierten, witzigen Kunst von Andreas Fischer beweist Wasserburg wieder einmal, dass es einen Ausflug wert ist. Die Jahresausstellung des AK68 in Rathaus und im Ganserhaus wartet einerseits mit einer Menge vielschichtiger Farbflächen um Casagrande auf, andererseits fällt aber genügend aus dem Rahmen. </P><P>Schon draußen lädt Jürgen Knagge auf dem Bürgersteig mit seinem "Treibholz" zum ungemütlichen Verweilen ein: Auf dem riesigen Wurzelstück ein Metallsitz. Drinnen schießt er mit dem "Aggressor", einem metallbeschlagenen Altholz-Rammbock auf Rädern, quer. Sanftere Irritationen liefert Carsten Lewerentz mit seinem niederfallenden bronzenen Kleidungsstück und der geschnitzten Hose. Das weiche Fließen der "Stoffe", die Zufallsaufnahme, widerspricht dem beständigen Material seltsamerweise nicht. </P><P>Franz Angerer hingegen lässt das Material für sich arbeiten, zeigt die Geometrie und verfallende Schönheit einer verkohlten Rotbuche. Skulptur hatte schon immer einen hohen Stellenwert in Wasserburg. Aber auch Gattungsübergänge sind mit Silvia Hatzl gut bedient: Ein grauer Mantel an der Wand, starr, leer, Schuhpaare darunter und der Titel ". . . breit deinen Mantel aus" lassen dieses zunächst morbide Werk zu einer Hinterfragung der Schutzmantelmadonnen werden. <BR><BR>Während das Medium Video in sehr krassen Arbeiten mit einer Achselhaarrasur mit deutlich religiöser Symbolik (Nadja Schrade) vertreten ist, bezaubert die Fotografie eher mit mystischen, schaurig-schönen Mehrfachbelichtungen des "Underground" (Heidi Schmidinger). Ottilie Gaigl hat die Digital-Fotografie für zartes Spiel mit Naturfarben und -formen benutzt. </P><P>Ähnlich bestechend ästhetisch sind die Litho-Vergrößerungen von Johanna Schmals: Die Metamorphosen eines Blattes zur puren Schönheit einer Schwarz-Weiß-Struktur. Thematisch und technisch interessant sind auch die fernöstlichen Musterzitate in Wachs von Helmut Ranftl sowie die Aquatinta-Landschaft von Raimund Reiter, wo nur noch ein Hauch von Schwarz und Weiß von der einst so üppigen Landschaftsmalerei übrig bleibt.</P><P>Zu den stilleren, aber trotzdem viel sagenden Künstlern gehört Dieter Breitschwerdt: Seine "Kommunikation" von eigenwilligen Strukturen in leuchtendem Weiß verbinden sich röhrenartig zu einer eigenen Magie. Die beeindruckendste Arbeit aber ist der "Pflegefall" von Walter Voss: Die Zeichnungen zeigen in wenigen Linien die Falten und Charakterzüge eines alten Gesichtes. Schönheit und Verfall liegen nur wenige Millimeter auseinander. </P><P>Bis 22. 8., Katalog: zwölf Euro. Tel. 08071/ 44 84.</P>

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