Ein Hauch Sibirien

- "Wir verteidigten Russland mit unserem Blut." Oder: "Weder Haut noch Gesicht werden wir dem Feind lassen." Auch: "Wir stechen ihn ab." Das Ganze begleitet von heftigem Tätärä, einer affirmativen Musik, mit der Prokofjew zwar den Kampf gegen Napoleon meinte, sich aber dem Stalin-Regime andiente: ein Glück, dass Opernhäuser die Tolstoi-Adaption "Krieg und Frieden" mit spitzen Fingern anfassen, sich allenfalls zu konzertanten Aufführungen durchringen.

<P>Dabei bietet die Partitur, wie jetzt bei den Salzburger Festspielen zu erleben, mehr als Schlachten-Verherrlichung. Und überraschend war, dass Valery Gergiev, effektheischender Haudrauf der Dirigentenszene, sich im ersten Teil als Stimmungszauberer outete. Die scheue Annäherung von Natascha und Fürst Andrej, die Ballszene, auch die innigste Verzweiflung der Heldin, das alles deutete Gergiev zwar mit dem Röntgenblick des Prokofjew-Kenners, wartete aber auch mit Farbfinesse und bei ihm ungewohnter Eleganz auf.<BR>Und mochten Chor- und Orchestermassen die Felsenreitschule bevölkern, mochte sich das Quecksilber der 30-Grad-Marke nähern - Gergiev erzielte mit dem Ensemble des Mariinsky-Theaters schier gnadenlose Perfektion, ein kompaktes, trennscharfes Klangbild, das kompositorische Strukturen so verdeutlichte, als habe er zum Seminar geladen. </P><P>Nach der Pause fielen dann die Schranken: Szenen zwischen stampfenden Rhythmen und hymnenhaftem Pathos, obwohl Gergiev die zweifelhaftesten Stellen schon gestrichen hatte.<BR>Aber Krieg oder Frieden, darum ging's den meisten gar nicht. Viel wichtiger: Superstar Anna Netrebko schlüpfte in die Rolle der Natascha, die nach dem großen Metzeln ihrem sterbenden Andrej wiederbegegnet. Und der Russin stand die Grafen-Tochter ausgezeichnet, viel besser als jüngste Belcanto-Ausflüge. Mit dunkler, raumfüllender, etwas monochromer Emphase, bei der ein Hauch sibirischer Kälte mitschwang, war sie ganz naiv Verliebte, zum Tode Entschlossene, schließlich vom Schicksal Gebeutelte. Ein glaubhaftes Porträt auch ohne Regie: Ob sich wegen ihr nicht doch eine Inszenierung lohnen würde?</P><P>Dmitri Hvorostovsky (Andrej) hatte es schwerer. Auch bei diesem Dressman hört das Auge ja mit. Doch sein matter, wie eingedickter Bariton, bei dem Dramatik nur unter großem Kraftaufwand funktionierte, trug im Riesenraum nicht optimal.</P><P>Viel interessanter, welch ausgezeichnete Solisten Gergiev (neben steifstimmigen Oldies) noch im Gepäck hatte, etwa den exzellenten Charaktertenor Oleg Balashov als Anatol, Nebenbuhler Andrejs, oder Ekaterina Sementchuk als Nataschas Cousine Sonja. Valery Alexeev (Napoleon) gefiel sich als expressives Bariton-Ekel und war der Einzige, der an die Netrebko heranreichte.</P><P>Jubel vor allem für sie und für Valery Gergiev. Salzburgs konzertante Aufführungen sind mittlerweile die größten Kassenschlager; Musik pur ohne hohle oder verstörende Giga-Regie: Beim diesjährigen Angebot ist das ja auch verständlich.<BR></P>

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