Hauptgewinn für den Anwalt

- An diesem Montag treffen sich im Berliner Kanzleramt die Fachleute zum "Krisengipfel", um über den weiteren Umgang mit der so genannten Raubkunst zu beraten. Angesichts der Forderungen von Erben erpresster Sammler nach Rückgabe der Kunstwerke ­ in Deutschland rund 100 Werke des deutschen Expressionismus, darunter "Die kleinen blauen Pferde von Franz Marc" aus der Staatsgalerie Stuttgart ­ wollen sich die Museumsleute zusammen mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Experten einen Überblick über die Situation verschaffen.

Seit zurückerstattete, einst von den Nazis enteignete Bilder aus jüdischem Besitz vergangene Woche in New York Rekordsummen eingefahren haben, ist die Kunstwelt wie elektrisiert. Weitere Klagen von Erben der NS-Opfer auf Rückgabe von Kulturgut könnten für Nachschub auf dem derzeit schier unersättlichen Kunstmarkt sorgen. Den Auktionshäusern wäre hochwertige Ware sehr willkommen, allerdings dringen sie zunächst auf Klärung der Besitzrechte. "Als Vermittler in der Kunstwelt haben wir uns den Ruf erworben, die Besitzrechte genau zu klären", sagte Christie‘s Amerika-Präsident Marc Porter. Vergangene Woche zog das Kunsthaus in letzter Minute einen Picasso von der Versteigerung zurück, weil Erben überraschend eine Klage angedroht hatten.

Der hehre Anspruch der Auktionshäuser dürfte freilich nicht nur dem Respekt vor den Opfern der NS-Zeit geschuldet sein, er hat auch recht handfeste wirtschaftliche Gründe: Welcher Kunde würde schon 60 Millionen Dollar für ein Picasso-Porträt hinblättern, wenn das gute Stück später vielleicht doch dem Enkel des einstigen Besitzers zugesprochen wird?

Experten rechnen für die Zukunft mit einer zunehmenden Zahl solcher Verfahren. Allein die inzwischen in New York eingereichte Klage zu Picassos "Porträt von Angel Fernández de Soto" (1903) nennt sieben weitere Kunstwerke, die der einstige Besitzer unter dem Druck der Nazis unter Wert verkaufen musste. Und das Art Loss Register, die weltweit größte private Computerdatenbank für gestohlene und vermisste Kunst, hat mittlerweile 35\x0f000\- Werke aufgelistet, die während des Zweiten Weltkriegs als Raub- oder Beutekunst verloren gingen. Nur etwa 50 Fälle sind bisher gelöst.

Dabei geht es zum Teil um immense Summen. Die "Berliner Straßenszene" (1913) von Ernst Ludwig Kirchner etwa brachte vergangene Woche 38 Millionen Dollar (30 Millionen Euro) ein. Und im Juni hatte der US-Kosmetikunternehmer Ronald Lauder den Erben von Gustav Klimt für dessen "Goldene Adele" einen Rekordpreis von 135 Millionen Dollar gezahlt.

Dass die Erben ­ anders als die Museen, in denen die Bilder zur Freude der Öffentlichkeit oft jahrzehntelang hingen ­ ihre neu zuerkannten Schätze meist schnell verkaufen, gilt in der Kunstszene als ausgemacht. Oft müssen sich nämlich mehrere Nachfahren den Gewinn teilen oder das vorhandene Geld reicht nicht aus, die hohen Versicherungskosten für das schöne Erbstück zu zahlen. Meist jedoch dürften die aufgelaufenen Rechtsanwaltskosten den Ausschlag geben. Die Klimt-Erben etwa müssen ihrem Anwalt 40 Prozent des dreistelligen Millionen-Erlöses zahlen, Haupterbin Maria Altmann bekommt "nur" 25 Prozent vom Rest.

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