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Der Herr Theaterdirektor voller Leidenschaft – jedoch ohne seine Ehefrau: Oliver Nägele als Hassenreuter und Hanna Scheibe , die Sidonie Knobbe spielt.

Premierenkritik

Hauptmanns „Ratten“ am Residenztheater

München - Der griechische Regisseur Yannis Houvardas inszenierte am Münchner Residenztheater Hauptmanns „Ratten“. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Ökologisch korrekt ist das natürlich nicht: Proletarier in Käfighaltung gibt es am Münchner Residenztheater zu sehen, wo Yannis Houvardas „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann inszenierte. Die blauen Gitterkästen, in denen Frau John, Frau Knobbe und all die anderen Unterschichtmenschen da landen, werden von einem Hausmeister beflissen herumgeschoben, den Sierk Radzei als Rockertype mit Pferdeschwanz und Blockwartmentalität gibt. Der lauernde Schnüffler hat alles unter Kontrolle in der verwanzten Mietskaserne, in der Hauptmanns 1911 uraufgeführte „Berliner Tragikomödie“ spielt.

Dass wir Zuschauer vor diesen Käfigen als Besucher eines Menschenzoos erscheinen, ist allerdings der einzige dezidiertere Interpretationsansatz in einer ansonsten eher werktreuen Inszenierung. Der griechische Regisseur, der bis vor kurzem das Athener Nationaltheater leitete, legt den latent voyeuristischen Charakter frei, der Hauptmanns seit über 30 Jahren in München nicht mehr aufgeführten Klassiker aus heutiger Sicht eignet. Auch dass die „kleinen Leute“ hier originalgetreu jenen altertümlichen, noch mit vielen schlesischen und ostpreußischen Brocken beladenen Berliner Dialekt sprechen („warum ick mir rackern du“), den Hauptmann ihnen in den Mund legt, offenbart die heiklen Züge eines Stücks, das zwar bestimmt keine „Milljöh“-Verklärung anstrebt, aber der Stereotypie pittoresker Genrebilder doch nicht entkommt. Und gerade auch, dass diese Mundart nicht nur für bayerische Ohren stellenweise schwer zu verstehen ist und so zu einer rau-manierierten Sprachmusik mutiert, unterstreicht die Ästhetisierungstendenzen, die sich unter der Oberfläche des „Naturalismus“ verbergen.

Dabei ist der Konflikt zwischen Verklärung und Abbildung der Realität durch die Kunst doch eben das Thema, das der Autor in dieser Mischung aus Kindsraub-Krimi und Künstlersatire behandelt. Theaterdirektor Harro Hassenreuter (herrlich: Oliver Nägele mit scheinheilig-jovialer Bonhomie als Vorläufer von Thomas Bernhards „Theatermacher“) streitet mit seinem Schwiegersohn in spe, dem theaterbegeisterten Theologiestudenten Spitta (Thomas Gräßle). Dieser behauptet ganz progressiv, auch eine Putzfrau könne „heute“ zur tragischen Heldin eines Dramas werden. Ein Unding für den konservativen Hassenreuter, der das angestaubte Pathos der wilhelminischen Epoche repräsentiert. Aber letztlich erweisen sich beide als Vertreter eines luxuriösen Kunst-Idealismus angesichts der realen Tragödie um die Putzfrau Henriette John (wunderbar eindringlich in ihrer filigran verinnerlichten Wahnhaftigkeit: Valery Tscheplanowa ), die sich quasi unter ihnen abspielt in der Mietskaserne, auf deren Speicher der „Herr Direkter“ seinen Theaterfundus gelagert hat.

Den Versuch, in dieser edelbitteren Groteske über die Klassengesellschaft Bezüge zur Gegenwart aufzuzeigen, macht Yannis Houvardas’ historisierende Inszenierung kaum – Käfighaltung hin oder her. Aber in Zeiten, da hierzulande zumindest für die Bessergestellten die Frage „Bio- oder doch bloß Freilandeier“ als einzig essenzielle verblieben scheint, würde solche Bezüge wahrscheinlich auch fast niemand mehr verstehen.

Alexander Altmann

Nächste Vorstellungen am 12., 15. und 19. Oktober; Telefon 089/ 21 85 19 40.

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