Die Hauptrolle in Fleißers "Fegefeuer"

- Nicholas Reinke hat viel zu tun. Seit Beginn dieser Spielzeit ist der 24-Jährige, der aus der Nähe von Krefeld stammt, Ensemblemitglied am Münchner Volkstheater. Direkt nach seinem Abschluss wurde er von der Falckenberg-Schule wegengagiert, um in "Kasimir und Karoline" den Schürzinger zu spielen und in "Lulu" den Alwa. Die Proben dafür überschnitten sich sogar um zwei Wochen.

<P>"Von verlorener Zeit kann keine Rede sein", lacht er. "Aber ich will es ja nicht anders. Mit zu viel Zeit kann ich noch gar nicht umgehen."</P><P>Gut aufgehoben fühlt er sich daher in Christian Stückls junger, nimmermüder Truppe: "Der Vorteil gegenüber den ganz großen Häusern ist: Hier wird man gleich wahrgenommen." Zu den bisher schon wichtigen Partien kommt nun die männliche Hauptrolle des Roelle in "Fegefeuer in Ingolstadt" hinzu. Marieluise Fleißers Tragödie um "Rudelgesetz, Kleinstadtdumpfheit und verklemmt-katholische Vorstellungen" - so die Autorin (1901-1974) - hat morgen in der Inszenierung von Jorinde Dröse ("Was ihr wollt") Premiere.</P><P>"Was heißt es, Schauspieler zu sein? Ist das Luxus?"<BR>Nicholas Reinke</P><P>Dunkelhaarig hat man Nicholas Reinke im Kopf. Und dann sitzt er da mit einem borstigen roten Schopf, der die leichten Sommersprossen, die blau leuchtenden Augen und das schelmische Lächeln noch stärker zur Geltung bringt.</P><P>Mit dieser Perücke hat er schon die Pause zwischen Vor- und Nachmittagsprobe verbracht: "Ich fühle mich damit ein wenig unsicher in den Läden." Die Figur begleitet ihn, sie ist "allerdings eine harte Nuss: Ein großer Wunsch nach Liebe und Anerkennung treibt Roelle. Er versucht, auf jeden Rücksicht zu nehmen. Der Schuss geht nach hinten los, er begibt sich in religiösen Fanatismus." Trotzdem müsse man sich fragen: "Wer ist eigentlich verrückter? Derjenige, der glaubt, Engel zu sehen, oder diejenigen, die ihn steinigen?" </P><P>Gespannt ist der junge Schauspieler, wie die Reaktionen sein werden. Dass das Stück, und überhaupt die Fleißer, provoziert oder Unmut hervorruft, hat Reinke in Ingolstadt erfahren. Mit dem Ensemble besuchte er dort ihr Geburtshaus, und ein Passant fauchte: "Früher wollten sie nichts von ihr wissen, und jetzt rennen sie alle hin." Selbst unter Ingolstädter Jugendlichen gelte sie teils immer noch als Nestbeschmutzerin. "Der Mensch ändert sich ja nicht. Die Leute protestieren meist, wenn sie etwas nicht kennen. Das ist doch immer so."</P><P>Reinke ist trotz seiner sprühenden Frohnatur ein nachdenklicher Typ: "Was heißt es, Schauspieler zu sein? Ist das Luxus? Kann ich eine gemeinsame Sprache mit den Kollegen finden? Was bedeutet Theater für mich? Und für die Gesellschaft?" Leider, meint er, müsse man eigentlich zum Theater erzogen werden. "Wer es nicht in die Wiege gelegt bekommt, scheut sich, vor vermeintlicher Belehrung vielleicht. Man muss als Zuschauer ja auch lernen, dass es nicht unbedingt eigene Schuld ist, wenn Theater nicht zugänglich ist."</P><P>Ihm wurde es durch das Interesse der Eltern nahe gebracht. Ein schöner Zufall hat ihn schließlich nicht zur Naturwissenschaft, sondern auf die Bühne gelenkt: Der Freund eines Freunds lud ihn zum Schauspielunterricht ein. Da machte Reinke gerade Abitur. </P><P>Dass alles Schlag auf Schlag geht, scheint in seinem Leben Programm zu sein: "Ich wartete bei der Verleihung ungeduldig auf mein Zeugnis, um anschließend zum Training mit dem Schauspieler zu fahren. Zeit zum Feiern war nicht. Das war schon ein bisschen theatralisch", lacht er.</P>

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