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Hauptsache, ich lebe

- Ferenc Barbay - eine ungarische Erfolgsgeschichte: 1962 entdeckt Hedwig Hidas in der Ballettschule von Miskolc einen begabten Jungen und holt ihn an die von ihr geleitete Staatliche Ballettschule in Budapest. 1967 wird er ans Budapester Staatsopernballett engagiert, nimmt im selben Jahr am renommierten Wettbewerb von Varna teil - und bekommt als einziger von 70 Teilnehmern einen Vertrag. Nicht von irgendwem, sondern vom berühmten John Cranko, der Jurymitglied war und 1968 - zusätzlich zu Stuttgart - die Leitung des Balletts der Bayerischen Staatsoper übernommen hatte.

Der Rest ist bekannt: Barbay ist gleich zum Start ein sinnlich-draufgängerischer Mercutio in Crankos "Romeo und Julia", ein lyrischer Lenski in der Münchner Premiere von Crankos "Onegin" 1972, ein liebenswert-skurriler Alain in Ashtons "Fille mal gardée". Die Münchner jubeln ihm zu, machen ihn zum Publikumsliebling. Morgen wird der 63-jährige Künstler mit dem Tanzpreis 2006 der Stadt München ausgezeichnet. Ein bisschen spät, eigentlich.

Ballett und Akrobatik

Aber für Ferenc Barbay, der in seiner bescheidenen Art nie mit solcher Ehrung gerechnet hatte, kommt dieser Preis im genau richtigen Moment seines Lebens. Ein Autounfall vor zwei Jahren endete fast tödlich: Mit Knochenbrüchen und schwersten Verbrennungen wird er aus dem Wagen geschweißt. Acht Wochen hängt er an der Lungenmaschine, sechs Wochen ist er in künstliches Koma versetzt: "Auf diese Weise habe ich nichts gespürt, auch nicht die vielen Operationen, aber ich musste danach wieder alles neu lernen… Und dieser Preis jetzt für mich, den Ausländer, das ist das wunderbare Gefühl, dass München mich aufgenommen hat, dass ich hier zuhause bin." Ein Glück für Barbay, dass hier alles mit Cranko begann: "Er hatte ein absolutes Formgefühl und vom Emotionalen her eine Aufrichtigkeit bis zum Gehtnicht- mehr. Bei der Einstudierung des Lenski hat er mir gezeigt, wie man eine schon existierende Variation neu zum Leben erweckt, hat aus mir die letzten Reserven herausgeholt. Da er wusste, dass ich in Ungarn zuerst Geräteturnen gemacht hatte, meinte er: Bringen wir doch das klassische Ballett mit der Akrobatik zusammen. So haben wir dann gemeinsam die Rolle des Hofnarren in seinem ‚Schwanensee‘ erarbeitet.

Mit dieser Verbindung von klassischer und akrobatischer Technik und seiner Lust an der freien expressiven Geste ist Barbay auch ein idealer Drosselmeier in John Neumeiers "Nussknacker".

Natürlich hätte er gerne mal den Dornröschenprinzen getanzt: "So richtig mit weißer Perücke, aber ich konnte mich immer richtig einschätzen. Ich war ein ,demi- caractère‘-Tänzer, und das mit großer Freude. Im klassischen Ballett kann man nicht so spontan sein. Spontaneität hat mit Freiheit zu tun. Und ich wollte immer frei sein. Deshalb bin ich auch schon ganz früh in die moderne Richtung."

Der choreographische Revoluzzer der 70er-Jahre Hans Kresnik holt ihn im- mer wieder als Gast nach Bremen und Heidelberg. Glen Tetley modelliert sein 1974 für München entworfenes "Sacre" auf Barbay, der sich zu Recht ein bisschen stolz erinnert: "Als Baryschnikow es 1977 in Los Angeles mit dem American Ballet Theater tanzen sollte und erkrankte, war seine Bedingung, dass nur ich einspringen durfte." 1982, fast 40-jährig, aber noch topfit, kreiert er den Offenbach in Gray Veredons "Gaîté Parisienne" und beginnt zu choreographieren. Für München entstehen "Feuervogel" und Ravels "Daphnis und Chloé".

In den folgenden Jahren ist er choreographisch zwischen Budapest, Montreal, Palermo, Wien und für verschiedene Fernsehproduktionen unterwegs. Alles in allem eine lange, erfüllte Karriere und auch private Harmonie -mit Frau und Kindern. Jetzt allmählich kann er selbst auch wieder lachen. Er schiebt den Jackenärmel hoch: Sein Arm ist vernarbt als sei er totaltätowiert. Und die Hautentnahme für Transplantationen hat ein riesiges Loch hinterlassen: "So sieht ein guter Teil meines Körpers aus. ‚Einen Schönheitswettbewerb wirst du nicht mehr gewinnen’, meinte mein Arzt", Barbay selbstironisch. "Aber nach dem Unfall war meine Eitelkeit weg. Hauptsache, ich lebe."

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