Hauptsächlich Geplapper

- "Die totale Schlappschwanzliteratur" - Kinder quatschen wie die Alten. Oder: Was die Alten quatschen, ist einfach kindisch. Kann sein, dass uns das die Regisseurin Christina Paulhofer sagen will, wenn sie an den Anfang ihrer Inszenierung "Sallinger" drei kleine Steppkes, zwei Jungen und ein Mädchen, über Kunst reden lässt. Als seien sie ein.literarisches Terzett oder irgendeine andere sich in der öffentlichen Debatte wichtig nehmende, ästhetische Instanz.

<P>Auf der Bühne 2 im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele ist das jedenfalls ein herzhaft komischer Beginn für das Stück von Bernard-Marie Koltè`s (1948- 1989), das zwar wie die großen Dramen mit einem Schuss endet, in Wirklichkeit aber überhaupt kein Stück ist, das aufgeführt werden müsste</P><P>Fein herausgeputzt sind diese altklugen Kinder, genau so, wie die drei Geschwister, die gleich auftreten werden und von deren verpfuschter Jugend vor dem Hintergrund des Krieges die Aufführung erzählen will. Von Rotfuchs, dem Selbstmörder, der aber noch als Toter sehr realistisch durchs Stück geistert, von Leslie, dem Protestler, und Anna, der Barbiepuppe. Irgendwo in Amerika spielt dieses Stück, das eines der ersten ist, das Koltè`s geschrieben hat (1977) und irgendwie als Hommage gedacht war an den US-Autor J. D. Salinger und an seinen eine ganze Generation beeinflussenden Roman "Der Fänger im Roggen".</P><P><BR>Dass sich Christina Paulhofer für ihr Münchner Regiedebüt ausgerechnet diesen weitgehend geschwätzig vor sich hin monologisierenden, in noch keinerlei Form gebrachten Text ausgewählt hat, liegt wohl an der traurigen Aktualität durch drohenden Krieg. Bei Koltè`s war es das amerikanische Trauma Vietnam. Heute verbindet sich mit Leslies Einberufung, mit der Szene "auf einem Schlachtfeld in einem fernen Land", mit Rotfuchs' finalem Kopfschuss oder mit dem Jungen Henry, der lieber von der Brücke springt, als sich als menschliche Munition verheizen zu lassen, der Name Irak. Für diesen, den zweiten Teil des Stücks findet Paulhofer starke Bilder, da gewinnt ihre Inszenierung an Dringlichkeit und Drive, nicht zuletzt durch einen suggestiven Klangteppich, den sie der gesamten Aufführung unterlegt.</P><P>Doch ist Koltè`s' disparates Werk auch der wenig gelungene Versuch über eine künstlerisch ambitionierte New Yorker Kleinbürgerfamilie. Dafür hat sich Paulhofer mächtig ins Zeug gelegt, hat sich von Alex Harb und Nina Wetzel ein olles Wohnmobil in die Mitte der Bühne stellen, den Bühnenboden mit Wüstensand und Steppengras belegen lassen und allerlei sonstigen szenischen Aufwand betrieben.</P><P><BR>Abgesehen von dem Antikriegs-Fingerzeig: viel Material für ein szenisches Nichts. Denn die gesellschaftskritischen Familiengeschichten liefern besser die großen amerikanischen Romane à` la John Updike oder Philip Roth. Koltè`s wusste schon, warum er "Sallinger" nicht publiziert hat. Und das Theater hätte sich seiner Meinung anschließen sollen.<BR>Zumal hier schauspielerisch nicht viel geboten wird. Katharina Schubert als Carole erweist sich einmal mehr als eine sehr präsente, starke Darstellerin.</P><P>Paul Herwig mit seinem fatalen Hang zu expressionistischem Ausdrucksspiel ist in der Rolle des Leslie teilweise zwar von berührender Jugendlichkeit, erfährt aber auch hier nicht die nötige Zügelung durch die Regie. Hildegard Schmahl und Michael Tregor als Ma und ihr Freund Al tanzen flott über die Gräber der Jungen hinweg, wobei sich vor allem Tregor in seiner Skurrilität als Eintänzer empfiehlt. Und Martin Butzke, der den Rotfuchs spielt, hat wenig Gelegenheit, sich zu profilieren. Wohl kann Christina Paulhofer sprechende Bilder entwickeln, mit der Sprache selbst aber weiß sie nicht umzugehen. So bleiben die Monologe nur das Geplapper, als das sie einem schon bei der Lektüre erscheinen.<BR></P>

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