Haus, Frau, Kinder, Affären

- Es gibt aufregendere Männer als diesen Elektrotechniker aus Willow, Pennsylvania. Warum also ein Buch über ihn schreiben? Owen Mackenzie ist ein Einzelkind aus einfachen Verhältnissen, er schafft es als Student ans berühmte MIT in Boston und heiratet jung die schlaue Kommilitonin Phyllis.

Mit einem Studienfreund macht er sich als Pionier des beginnenden Computerzeitalters Anfang der 60er-Jahre selbstständig und zieht von New York in die zweite Kleinstadt seines Lebens, Middle Falls, Connecticut.

Er kauft ein Haus, bekommt vier Kinder und reiht sich ein in die gut situierte, provinzielle Mittelstandsgesellschaft. Kurz, er gleicht all den anderen tennisspielenden Ehemännern, deren Engagement in der Familie sich darin erschöpft, kaum mehr als deren Ernährer zu sein.

Und vielleicht ist der schlichte Owen noch eine Spur langweiliger als jene Nachbarn, als der verkannte, illustrierende Maler und der lebenspraktische, Pfeife rauchende Steuerbeamte. Aber er hat ihnen etwas voraus: Er sieht ungeheuer gut aus im Vergleich, er kann bei Bedarf ganz charmant sein, und er zieht die frustrierten, unterforderten, ewig müßig gehenden Ehefrauen der anderen Männer an wie die Fliegen.

Und deshalb beschreibt John Updikes neuer Roman "Landleben" nicht nur, wie das Leben seines Helden Kleinstadt an Kleinstadt reiht und auch in einer solchen mündet. Sondern wie es ihm Frau um Frau zutreibt, welche körperlichen oder charakterlichen Eigenheiten eine jede besitzt und wie die eine Affäre endet, kaum dass die andere begonnen hat. Und weil dies aus der Scheuklappen-Perspektive des selbstgefälligen, immer noch naiv staunenden, gealterten Owen geschieht, ist das alles nicht sonderlich erhellend und nur streckenweise spannend.

"Landleben" heißt dieses Buch ja auch und nicht Außer-Rand-und-Band-Leben. Die Entwicklung dieses Helden beschränkt sich darauf, dass sich seine Verklemmungen zusehends lockern und seine zweite Frau, die er dem neuen Priester wegschnappt, ihn in zweiter Ehe von seinem bisherigen Lebenswandel "rettet", wie es heißt.

Das Problem der Figur ist, dass der Leser, ähnlich wie die meisten Figuren des Romans, diesem Helden als einem Neutrum gegenübersteht. Einem, der eigentlich nur entlang der Vektoren der Grafikdarstellungen denken kann, an denen er arbeitet. Dabei scheinen sich, nicht gerade zu seinem Missfallen, die Vektoren häufig zu verselbstständigen und auf die diversen Reize längst paarungsbereiter Frauen seiner Umgebung zu zeigen.

Es siegt die Selbstzufriedenheit

Ein wenig Ironie des Erzählers trifft Owen hie und da. Etwa, wenn er als alter Mann die sexuellen Wünsche seiner Frau nicht mehr erfüllen kann und stattdessen bei der Pflege des Haushalts nur stört. Da tut er einem fast leid. Aber dann siegen doch wieder seine Eitelkeit und Selbstzufriedenheit: "Rückblickend ist er gerührt davon, wie vollständig seine beiden Ehefrauen ihm gegeben haben, was er haben wollte. Phyllis hatte ihn, in Cambridge, in das snobistische Geistesleben emporgehoben, und Julia hatte ihm, in Haskells Crossing, das Leben in bürgerlicher Muße ermöglicht."

Eines muss man der Erzählkunst Updikes zugute halten: In den feinen Naturbeschreibungen, plastischen Skizzen diverser Liebesnester und Elogen auf die verschiedenartige Weiblichkeit, die die wunderschönsten, wenngleich wesenlosen Skulpturen zu formen scheinen, erschafft er immer wieder eine vibrierende Atmosphäre um diesen Owen herum. Wie es dem Bewusstsein seines Helden entspricht, ignoriert er selbstverständlich, dass dieser Mann eine Familie hat und seine Kinder mehr als Namen und Schwangerschaftsstreifen verursachende Episoden sind. Wenn man so will, hat Updike eloquent wie stets das messerscharfe, aber nie urteilende Porträt eines großen, faden Egoisten geschrieben.

John Updike: "Landleben". Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel und Helmut Frielinghaus. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 414 Seiten; 19,90 Euro.

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