Haus der Kunst: Kuschelhöhlen und Ruinen

München - „Im Haus" im Haus der Kunst. Das ist nicht nur ein Scherz der Künstlergruppen für ihre traditionelle Große Kunstausstellung, das ist auch Thema der aktuellen Schau. Die Neue Gruppe, die Münchener Secession und die Neue Münchner Künstlergenossenschaft bieten damit ein profiliertes Konzept.

Die „Große“ behauptet sich seit Jahrzehnten, auch wenn manche Haus-der-Kunst-Oberen dieses angeblich veraltete Prinzip der Gruppen-Präsentation - Stichwort: 19. Jahrhundert - giftig bespöttelten und aus „ihrem“ Haus hinausekeln wollten. Aber für die freien Künstler von der Neuen Gruppe, der Münchener Secession und der Neuen Münchner Künstlergenossenschaft ist das eben auch „ihr“ Haus. Denn Tradition heißt: Aufbauarbeit nach dem Krieg, Befreiung des Baus von der Nazi-Propagandakunst hin zur modernen Kunst. Natürlich gab es immer wieder stinklangweilige Große Kunstausstellungen mit einem Mischmasch ältlicher Kunst-Praktiken. Aber man hat sich systematisch der aktuellen Szene geöffnet.

Der Neuen Gruppe ist es heuer gelungen, mit dem Signal „Im Haus“ eine feste Struktur in die Präsentation zu bringen. Damit hat der Besucher einen zuverlässigen roten Faden in der Hand. Überdies lud man gezielt einige Kollegen wie Veronika Veit oder Martina Eberle ein. Sie bietet dem Betrachter dann gleich im Treppenhaus der Südgalerie ein spielerisches „Wohn-Accessoire“. Ihr Leuchtwürfel schließt zwar elegant an Lichtinstallationen etwa eines Lucio Fontana aus den Sechzigern an - aber auch an Kaminfeuer und Grill-Utensilien. Und das alles mit 3D-LED-Kugerl. Die der Betrachter mittels zweier Blasebälger erst mal „befeuern“ muss. Dann flackert’s, prasselt’s und knackt’s gemütlich, als würden Flammen übers Holz lecken.

Diesem sozusagen Humor auf abstrakter Ebene setzt Veit einen sehr realistischen entgegen. Sie baut sich ihre Kunst - etwa die lustlose Hausfrau an der Küchenzeile - und erschafft gleich die Betrachter dazu. Alles vollplastisch, nur ein wenig geschrumpft. Noch leichter tun sich naturgemäß die Fotografen, einen in die Irre zu führen. Besetzt nun ein gigantischer Wurm das Abbruchhaus (Georg Hornung)? Ist das kleine demolierte Haus wirklich auf der Autobahn in einen Zusammenstoß geraten, wie Julius Brauckmanns C-Print suggeriert? Dagegen sind die ordentlich gemalten Bilder geradezu beruhigend. Ihre „Illusion“ ist nicht so bedrohlich täuschend: obwohl Michael von Cube auf den Missbrauch im Kloster Ettal anspielt, Annette Bastian das Heim als Einsamkeits-Falle sieht und Philipp Mager beweist, dass man Neo Rauch nicht immer braucht - dafür sogar ein Gemälde in delikateren Farben bekommt.

Heile Welt, heiles Haus - das also kommt in der Kunst selten vor. Schrundige Puppenhaus-Persiflagen gibt es ebenso wie zerfressene Ruinen aus Papier oder abweisende Wandflächen. Dazu passt die „Begrüßung“ im zweiten Teil der „Großen“ in der Nordgalerie: Shohe Alexander Seiler lässt mit seiner Plastik „Triumphtor auf Selbstfahrlafette“ - die Säule als Rohr - antike Tempel-Trümmer als Panzer auffahren. Oder hat das Gefährt diese Tradition rüde abgeräumt? Eine tatsächlich hauseigene Tradition greift Albert Coers mit seiner Kuschelhöhle aus Jugendbüchern auf. „Unschuld des Werdens“ erinnert an die erste Ausstellung im Haus der Kunst 1946. Literatur für junge Menschen wurde vorgestellt - zwei Säle weiter vorn steht, klein, die NS-belastete. Bücher, Heim und Haus gehen übrigens für andere Kollegen ebenfalls eine innige Verbindung ein.

Dass die Künstlerverbände Vergangenheit und Zukunft im Auge behalten, ehrt sie. Mit einer Werkgruppe aus Zeichnungen, Bildobjekten und einer Skulptur gedenkt man Andreas Bindls, der heuer im Januar gestorben ist. Der Pavillon „Offener Raum“ gibt dem Nachwuchs eine Chance. Im Zwei-Tage-Rhythmus können sich hier 27 junge Künstler mit Arbeiten präsentieren. Den Auftakt macht Benedikt Kasper Roiger, der in „freiform“ Po-Abdrücke in lackiertem Gips verewigte.

Von Simone Dattenberger

Bis 3. Oktober,

täglich 10 bis 20 Uhr, Telefon: 089/ 22 26 55, Katalog: 8 Euro; die Werke kosten von 150 bis 36 000 Euro.

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