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Zentrales Werk der Schau und eine Reaktion des Künstlers auf die Größe des Hauses der Kunst ist die begehbare Installation „Logoligi Logarithm“. Die Netze bestehen aus Flaschenverschlüssen.

Das Haus der Kunst zeigt „Triumphant Scale“ von El Anatsui

Bei El Anatsui wurzelt die Größe im Detail

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El Anatsui gilt als einer der wichtigsten Künstler Afrikas. Das Münchner Haus der Kunst zeigt jetzt „Triumphant Scale“, die erste Überblicksschau mit Werken aus fünf Jahrzehnten. 

Vor 21 Jahren wurde mit dem Satz „Size does matter“ für den Kinostart von Roland Emmerichs „Godzilla“ geworben. Auf den Plakaten war damals nur ein kleiner Ausschnitt des Urviehs zu sehen, das Auge etwa, lebendig funkelnd. Wie, so fragte sich der Filmfan, mag erst das Tier in ganzer Pracht wirken? Spannungsaufbau à la Hollywood.

Der Lauf der Zeit spiegelt sich in vielen Arbeiten El Anatsuis, die bei jedem neuen Aufbau ihre Form verändern. „Tiled Flower Garden“ (Gekachelter Blumengarten) steht zudem beispielhaft für die Tatsache, dass der Künstler Skulpturen flächig und malerisch versteht.

Auf die Größe kommt es an – jetzt auch im Haus der Kunst. Hier gebiert nun ebenfalls das Kleine, Unscheinbare das Große und Mächtige: in der ersten europäischen Überblicksausstellung mit Werken von El Anatsui. Es ist die bislang umfangreichste Schau des 1944 in Ghana geborenen Künstlers überhaupt. Den Ostflügel des Hauses haben die Kuratoren Okwui Enwezor, Chika Okeke-Agulu und Damian Lentini für Arbeiten aus fünf Jahrzehnten freigeräumt. Die Fassade entlang der Prinzregentenstraße hat El Anatsui bereits mit seiner Installation „Second Wave“ gestaltet, die ebenso Reminiszenz an die Welle im Münchner Eisbach ist, wie sie die Informationsflut spiegelt, die uns täglich überrollt.

Der Superlativ gilt nicht nur für die Größe der Werke und das Raumangebot: „Triumphant Scale“ – so der Titel der Schau – wollen die Kuratoren dabei explizit nicht als Retrospektive verstanden wissen. Es wäre auch ein Fehler, denn wer in El Anatsuis Schaffen eintaucht, spürt beinahe körperlich, wie lebendig es von Zeitgenossenschaft durchpulst ist. In den besten Momenten gelingt es dem Künstler, das Traditionelle, auch das Archaische afrikanischer Kunst mit Themen der Gegenwart zu verschmelzen.

Da sind zum Beispiel die Werkstoffe: El Anatsui arbeitet oft mit Fundstücken, etwa Verschlüssen von Spirituosen. Alkohol hatten einst die europäischen Kolonialherren nach Afrika gebracht, als Währung und damit zur Unterdrückung: „Ich arbeite mit Material, das viel Berührung und Verwendung durch Menschen erfahren hat“, erklärt der Künstler. „Diese Arten von Material und Arbeit sind stärker aufgeladen.“ Durch Flachschlagen, Verdrehen, Zusammendrücken bringt er die Verschlüsse in Form und verknüpft sie zu Werken, die mächtig und eindrucksvoll schillern zwischen Plastik, Malerei und Assemblage.

El Anatsui entdeckte die Motorsäge für seine Skulpturen

Diese Arbeiten stehen im Zentrum, die Schau gibt ihnen Raum zur Entfaltung: Aus der Distanz locken sie in verführerischen Farben sowie mit fantasievollen Ornamenten und erinnern so mitunter an die Malerei eines Gustav Klimt. Beim Detailblick erkennt man die Alltäglichkeit des Materials, Gewissenhaftigkeit und Geduld bei der Verarbeitung. Die Wurzeln des „monumentalen Ausmaßes“ – sie liegen hier.

Die Schau erzählt zudem die Entwicklung des Künstlers. Zeichnungen und grafische Arbeiten, vor allem aber die beeindruckenden Holz-Reliefs und -Säulen (überraschend filigran bearbeitet mit der Motorsäge) durchzieht eine Ahnung dessen, was in den vorderen Räumen zu sehen ist. Seine Werke seien „wie das Leben“, sagt El Anatsui – nicht festgelegt, voller Überraschungen, Unvorhergesehenem. Aber eben auch: fragil und voller Schönheit.

Weitere Informationen:

„Triumphant Scale“ von El Anatsui ist bis 28. Juli 2019 im Haus der Kunst zu sehen, täglich von 10-20 Uhr, Do. bis 22 Uhr; Telefon 089/ 21 12 71 13.

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