Igor Levit und Florian Zinnecker
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Der Pianist und sein Autor: Igor Levit (re.) mit Florian Zinnecker.

Buch-Porträt des gefeierten Pianisten

„Hauskonzert“ von Igor Levit und Florian Zinnecker: Die Geschichte eines Getriebenen

  • vonUlrike Frick
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Ein ungewöhnliches, von Extremen geprägtes Jahr liegt hinter dem Pianisten Igor Levit. Florian Zinnecker hat die Metamorphose des Musikers geschickt aufgezeichnet. Und doch hat das Buch Schwachstellen.

Während des Lockdowns im vergangenen Frühjahr gab der Pianist Igor Levit über den Kurznachrichtendienst Twitter allabendlich um 19 Uhr ein Hauskonzert. Querbeet von Beethoven bis Bach, von Morton Feldman bis Billy Joel spielte er sich durch die Musikgeschichte. Diese Wohnzimmerkonzerte seien „seine Rettung und sein Stabilitätsanker gewesen“, erklärte Levit später. Manchen erging es ähnlich, wie sich aus den Twitter-Kommentaren ablesen ließ. Anderen wurde der umtriebige Musiker erst durch die Online-Auftritte bekannt.

Eine erstaunliche, gewissermaßen Web-basierte Entwicklung - obgleich Eminem-Fan Levit vielen längst als musikalischer Hausgott gilt. Eine jüngere Generation kam durch ihn überhaupt erst mit E-Musik in Berührung. Dabei will Levit mehr als „nur der Mann sein, der die Tasten drückt“. Sein Wirken geht schon jetzt, mit gerade mal 34, über die Musikwelt hinaus. „Die meisten anderen Pianisten, eigentlich alle anderen, verkaufen sich über ihre Harmlosigkeit“, betont er. Das ist nichts für den politisch engagierten Künstler, für den Musik „nicht ohne Positionierung denkbar“ ist.

Levit wehrt sich gegen Hass, Rassismus und Antisemitismus

Der 1984 in Bayreuth geborene Journalist Florian Zinnecker begleitete Levit durch die Konzertsaison 2019/20. Daraus entstand dieses Buch „Hauskonzert“. Damals wehrte sich der Pianist vehement gegen Hass, Rassismus und Antisemitismus im Netz, propagierte Klimaschutz und Demokratie und hatte – wie alle Menschen – mit persönlichen wie beruflichen Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen. „Ein Pianist, der keine Konzerte geben und seine Musik mit anderen Menschen teilen darf, ist eigentlich kein Pianist mehr“, erkannte er für sich. Und entdeckte die digitale Ausdrucksform des „Hauskonzerts“ auf Twitter. Hunderttausende sahen und hörten ihm dabei zu. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, von dessen Amtssitz Schloss Bellevue Levit ebenfalls einen Abend in die Welt streamte, lobte ihn als „großen Künstler, der uns allen zeigt, wie wichtig Kunst ist und dass Musik auch trösten kann“.

Zinnecker folgt dem Klaviervirtuosen in „Hauskonzert“ durch ein ungewöhnliches, von Extremen geprägtes Jahr. Zwischendurch skizziert er wichtige Momente in Levits Laufbahn wie den legendären „FAZ“-Artikel, der seine Karriere ins Rollen brachte, diverse Auszeichnungen oder das Konzert in Brüssel am Abend nach der Wahl Trumps zum US-Präsidenten, als Levit erstmals offen als „Zoon politikon“ Position bezog. Zinnecker bleibt immer dicht an seiner Seite, selbst wenn es unangenehm zu werden droht. Zwar überschütten viele Menschen den Pianisten mit Begeisterung. Andere allerdings schicken Schmähbriefe und Morddrohungen. Beklemmend lesen sich dazu Levits Erinnerungen an den kaum kaschierten Antisemitismus, mit dem er seit Karrierebeginn konfrontiert ist.

Der Text ist tief kniend geschrieben

Ein relativ junger Mann, der bereits einem Biografen ausführlich Rede und Antwort steht – das klingt zuerst einmal arg eitel und überheblich. Tatsächlich kann man diesem „Hauskonzert“ aber einiges abgewinnen. So skizziert Zinnecker sehr geschickt die Metamorphose des anfangs noch unbedarften, ein bisschen naiven Musikers zu einem zunehmend gereiften und politisch profilierten Künstler, der sich keinen Maulkorb verordnen lässt.

Auch Levits nervöse Getriebenheit ist immer wieder Thema: „Ich mache sehr, sehr, sehr viel. Ich will einfach viel schaffen“, bekennt der Pianist. „Und wenn das jemand in Frage stellt, dann erstreite ich mir das Recht. Ja, ich kann alle 32 Beethoven-Sonaten spielen. Ja, ich kann parallel noch sechs andere Programme machen. Ja, ich kann mich parallel auch noch mit Nazis kloppen. Ich kann parallel Bücher lesen, ja, ich kann parallel das, das und das machen. Ich kann es, weil ich es will.“ Einwände lässt er nicht gelten. „Ich lasse mir nicht sagen: Wenn du so viel gleichzeitig machst, werden die Dinge oberflächlich – nein, die sind nicht oberflächlich, die sind meine Sachen.“

Aber Einwände kommen, und dies ist leider der große Schwachpunkt des Buchs, ohnehin selten. Zinneckers Text ist tief kniend geschrieben und passagenweise von einer verstörend unreflektierten Hingabe. Nüchterne Einordnungen fehlen in dieser modernen Hagiografie öfter. Stilistisch gibt’s mehr Pose als Poesie. Zinnecker kommt Levit sehr nahe, was in vielen Momenten spannend zu lesen ist. Mitunter aber auch seltsam aufdringlich und fast unfreiwillig komisch wirkt.

Igor Levit/ Florian Zinnecker:
„Hauskonzert“. Hanser Verlag, München, 304 Seiten; 24 Euro.

Lesung:
Igor Levit und Florian Zinnecker stellen das Buch am 30. April, 20 Uhr, im Livestream des Münchner Literaturhauses vor; Karten (ab 5 Euro) gibt es online unter www.literaturhaus-muenchen.reservix.de.

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