Die Haut der Häuser

- "Ich habe immer ein Bild zurückgelassen: das Bild, das ich gesehen, aber nicht aufgenommen habe." Im Obergeschoss, in einigen Räumen der ständigen Ausstellung, zeigt das Münchner Lenbachhaus Schwarz-Weiß-Fotografien von Fouad Elkoury. Die Städtische Galerie setzt damit ihre allerdings sehr lose Präsentationsreihe von dokumentarischer - neben "rein" künstlerischer - Fotografie fort (Walker Evans 1990, David Goldblatt 2003).

Der Libanese, 1952 in Paris geboren, gelernter Architekt und ausübender Journalist, lebt in und zwischen verschiedenen Welten und Kulturen. Sie sind innig miteinander verwoben und zerren doch oft brutal an ihren Verbindungen. So ein Gewaltausbruch vertrieb auch Elkoury aus der Heimat. 1982 israelische Besetzung Beiruts; ab '85 Bürgerkrieg. 1991, nach Kriegsende, hielt er das Zermalmen der Zivilisation mit der Kamera fest. Diese Serie macht in der Exposition den Auftakt (erste Museumsschau in Deutschland). Nicht gefühlig, sondern mit  dem  analytischen Auge des Architekten schaute Elkoury auf Beirut. Auf die Häuser. Abgehäutet von ihren Fassaden zeigen sie sich. Pockennarbig von unvorstellbar vielen Einschüssen. Die Zimmer finstere Höhlen. Was Schutz bieten sollte, demonstriert Schutzlosigkeit.<BR><BR>Krankheit der Stadt, Krankheit des Menschen<BR><BR>Aber der Fotograf registriert all das mit einer klaren ästhetischen Setzung. Die Schönheit ist zwar nicht die einer Ruinen-Romantik, aber die eines Leidens-Symbols. Was einst ein nettes Mietshaus mit Balkönchen und Laden im Parterre war, ist bei Fouad Elkoury Sinnbild der Vergänglichkeit.<BR><BR>Der Ablauf von Zeit, der vom Foto in einem bestimmten Augenblick durchtrennt wird - sodass dieser Moment bleibt -, interessiert den Künstler. Denn an diesem Punkt löst sich das Journalistische auf, entsteht eine Geschichte, vielleicht ein Gedicht. Sie werden nicht von Bildern erzählt, sie werden von ihnen angestoßen und entwickeln sich fast frei. Erzählen muss der Betrachter. Am einfachsten - und am schönsten - das Paar "1987 - 2001". Links auf der weißen Tagesdecke des Betts ein Neugeborenes, so groß wie das daneben aufgeschlagene Buch. Rechts ein stattlicher junger Bursche, lässig sitzend auf seiner Liege. Die Leerstelle dazwischen kann nach Belieben gefüllt werden. <BR><BR>Diese Art, das Vergehen der Zeit und der Dinge zu schildern, macht außerdem das Spiel mit Nähe ohne Peinlichkeit möglich. Nüchternheit erlaubt, die eigene Krebserkrankung darzustellen: in einem sechsteiligen Tableau mit verschwommenem Blick aus dem Autofenster auf kahle Bäume, Tabletten-Häufchen auf dem Tisch neben dem Wasserglas oder mit Blick an sich herab ins verschmutzte Waschbecken.<BR><BR>Verstärkt wird die "literarische" Dimension der Schau in "Lettres à` Francine", die die Reise in die Türkei, Krankheitsausbruch und Genesung verknüpfen, oder in dem Foto, das Zeilen auf dem Computerschirm festhält: "Warum verschwindest Du?"<P>21.5-18.9., Tel. 089/ 23 33 20 00; Begleitbuch, Verlag Marval: 45 Euro.</P>

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