Das hebt die Stimmung

- Darf man das spielen? Weil doch auf ewig Wehrmachts-Propaganda mit diesem Fanfaren-Pathos verbunden ist? Aber die Tondichtung "Les Pré´ludes" von Franz Liszt kann dafür genauso wenig wie Ludwig van Beethovens Neunte für Hitlers Geburtstag. Und: Liszts Opus ist eben bemerkenswert geschickt instrumentiert und strukturiert, ein Genuss, der noch gesteigert wird, wenn man den 15-Minüter so bietet wie Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Gasteig).

Der Schluss mochte sich hier mächtig bäumen. Aber eigentlich lag Jansons an anderen Dingen, am weichen Melos, an der kantablen Lineatur, die das Stück eben auch auszeichnet und wofür er sich mit einem enorm motivierten Ensemble viel Zeit ließ. Liszt als nach innen schauender Lyriker, das war bei diesem Werk dann doch eine neue Hörerfahrung.<BR><BR>Ähnliches in der "Tannhäuser"-Ouvertüre: Ohne vordergründiges Gepränge wurde das Drama entrollt. Besser ließe sich kaum das Ideal von Wagners "unendlicher Melodie" verwirklichen - eine phänomenale Interpretation, effektfrei, und doch die Partitur nie "verkleinernd". Zwei deutschromantische Schwergewichte, dazwischen Robert Schumanns Klavierkonzert und Arvo Pärts "Berliner Messe": Das mag nach Kontrastkost aussehen, enthüllte aber nicht vermutete Verwandtschaften. Radu Lupu spielte Schumann mit wattiertem Furor, eine Verhaltenheit, die fast schon exzentrisch war. Mochte Lupu anfangs Jansons' Tempi noch leicht voraus sein, so verzahnte er den Klavierpart später, vor allem im Andantino, eng mit dem Orchester.<BR><BR>Lupu schien dem Opus klangliche Neumischungen abzugewinnen, ihm gelang eine subtil gegen den Strich gebürstete, manchmal auch verstörende Wiedergabe, bei der Jansons und die Musiker - vor allem die Holzbläser - nicht nur sekundierten, sondern eigene Impulse setzten.<BR><BR>Arvo Pärts "Berliner Messe", 2002 letztmals revidiert, scheint irgendwie aus der Zeit gefallen. Ein intimes, ideal für Chorstimmen komponiertes Werk. Und ein Ausdrucksminimalismus, der den liturgischen Text nicht abbildet, sondern einfache, kontemplative Formeln dafür findet. Angemessen entspannt, mit hellem, offenem Klang sang der BR-Chor und demonstrierte wieder, auf welch hohes Niveau er durch den scheidenden Chef Michael Gläser gebracht wurde. Heftiger Applaus für alle Beteiligten, besonders für Jansons. Der dirigiert derzeit mit einer erfrischenden, federnden Jugendlichkeit: So eine Vertragsverlängerung beim BR hebt wohl die Stimmung - übrigens auch beim Zuhörer.<P> </P><P><BR> </P>

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