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Isao Takahata (1935-2018)

Nachruf auf Isao Takahata (1935-2018)

Heidi trauert um ihren Vater

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Der japanische Regisseur Isao Takahata, der „Heidi“ ins Fernsehen brachte, ist mit 82 Jahren gestorben. Unser Nachruf:

Der Krieg sollte ihn nicht loslassen. In einer Juni-Nacht 1945 überlebte Isao Takahata die schweren US-Luftangriffe auf Okayama. Das traumatische Erlebnis für den damals Neunjährigen sollte nicht nur dessen künstlerisches Leben bestimmen: am augenfälligsten in seinem Meisterwerk „Die letzten Glühwürmchen“ (1988). Der Regisseur erzählt hier erbarmungslos vom vergeblichen Überlebenskampf eines Geschwisterpaares 1945 im ausgebombten Kobe.

Heidi ist Isao Takahatas bekannteste Figur in Europa: 1974 animierte er Johanna Spyris Bücher.

Isao Takahata, der jetzt mit 82 Jahren den Kampf gegen seine Krebserkrankung verloren hat, offenbarte seinem Publikum die vielfältigen narrativen und künstlerischen Möglichkeiten der Animes. Den japanischen Trickfilmen und ihrem gedruckten Pendant, den Mangas, wird traditionell in Fernost mit größerem Wissen und einer höheren Wertschätzung begegnet als bei uns.

In Europa wurde Takahata vor allem mit seiner Fernsehserie „Heidi“ bekannt, die er 1974 zusammen mit Hayao Miyazaki nach den Büchern von Johanna Spyri realisierte. Die Männer recherchierten gewissenhaft für ihre Adaption der Geschichten vom Alpenmädchen. Sie bereisten die Schweizer Berge, studierten die Architektur der Frankfurter Bürgerhäuser sowie des Hauptbahnhofs der Stadt, um die Gebäude zu Hause nachzuzeichnen.

„Die Legende der Prinzessin Kaguya“ war für den Oscar nominiert

Takahata, der französische Literatur in Tokio studiert hatte, gründete dann 1985 mit Miyazaki und dem Produzenten Toshio Suzuki das Ghibli Studio, das stilbildend für die künstlerische und dramaturgische Qualität von Animes werden sollte. Ghibli ist das arabische Wort für „Wüstenwind“; bereits der Name sollte klarmachen, dass die Männer die Trickfilm-Industrie ihres Landes frisch durcheinanderwirbeln wollten, die bis dato vorwiegend Massenware fürs Kinderfernsehen produzierte. Auf Grundlage einer hohen Kunstfertigkeit verbanden viele der sorgfältig von Hand gezeichneten Filme aus dem Hause Ghibli blühende Fantasie mit kreativen Höhenflügen und erzählerischer Tiefe. Dafür gab es international große Anerkennung. So wurde etwa „Die Legende der Prinzessin Kaguya“, der letzte Film, den Takahata vollenden konnte, 2015 für den Oscar nominiert.

Eine klare Haltung bewies der Regisseur jedoch nicht nur in seiner Filmarbeit. Bis zuletzt kritisierte er Japans Premierminister Shinzo Abe, der die pazifistische Verfassung zugunsten einer größeren militärischen Rolle des Landes ändern will. Denn seine Erinnerung an den Krieg konnte Isao Takahata auch im Alter nicht verdrängen.

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