1. Startseite
  2. Kultur

„Heidi weint“ an den Münchner Kammerspielen: Banalität hinter gelackter Scheinwelt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ulrike Frick

Kommentare

David Gaviria
David Gaviria als Hochglanz- Model. © Judith Buss

„Heidi weint“ rechnet im Werkraum der Münchner Kammerspiele mit dem Sexismus des Klum-Kosmos ab. Die Premierenkritik.

Mag die Öffentlichkeit noch so vehement über #MeToo und sexuelle Gewalt diskutieren – in der Sendung „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) auf Pro Sieben wird Mädchen nach wie vor ein anderes Lebensziel eingebläut. Schlank, anschmiegsam, ein bisschen devot und alle Schwierigkeiten gekonnt weglächelnd sollen sie sein, die Frauen. Heute wie ehedem.

Dompteurin Heidi Klum wacht in ihrer Mischung aus scheinheiliger Herbergsmutter und gnadenloser Domina über die Selektion ihrer langbeinigen Elevinnen. Vielfalt, auch nur körperliche, wird hier nur behauptet und nicht ernsthaft zelebriert. Eine ganze Generation an jungen Mädchen ist inzwischen mit den Werten und Idealen aufgewachsen, die Heidi und ihre Juroren in die Welt hinausbrüllen. Jede Kritik am Format als Symptom einer sexistisch-patriarchalen Gesellschaft, so scharf, berechtigt und originell oder elegant und subtil sie auch vorgebracht sein mag, scheint einfach nur ins Leere zu laufen.

„Heidi weint“ feiert die Imperfektion

Ob die Kunst, ob das Theater daran etwas ändern kann? Ein frommer Wunsch, aber die Autoren Dennis Seidel und Julia Weber haben mit sechs Mitstreitern aus dem Kammerspiel-Ensemble und der Regisseurin Nele Jahnke aus diesem Gedanken einen spannenden Abend entwickelt. „Heidi weint – Eine Gefühlsversammlung“ heißt ihre Performance im Werkraum, die einen geschickt immer wieder zum und Hinterfragen der eigenen Vorstellungen von Schönheit zwingt.

Wie sähe die Hochglanzwelt von Klums GNTM aus, wenn dort ein Platz für Schwäche wäre, für Gebrechen, Versehrtheit, kurzum für diese aus dem eigenen Alltag ja vollkommen vertraute Unvollkommenheit? Die puristische Bühne liegt noch im Halbdunkel, da beginnen die ersten Schauspielerinnen schon mit den Vorbereitungen für ihren großen Auftritt in der Show: Das Trippeln mit den Stöckelschuhen klappt nicht recht. Die Tanzschritte wirken noch etwas ungelenk. Die Glitzerkleidchen funkeln zwar schön im zunehmenden Licht. Spannen aber am Bauch oder sitzen zu lose am Hintern. Auch die ersten Ansagen vor dem Mikrofon machen klar – „Heidi weint“ feiert die Imperfektion, und zwar so dringend wie nachdrücklich.

Das Ensemble ist mit Feuereifer dabei

Und absolut großartig, wenn etwa alle gemeinsam zu Chers „Believe“ tanzen und singen oder das alberne Gedicht vom Boomerang in Endlosschleife rezitieren. Da demaskiert Regisseurin Nele Jahnke mit wenig Aufwand die ganze Absurdität von Veranstaltungen wie GNTM und entlarvt die hohle Banalität hinter der gelackten Scheinwelt. Das gut auswählte Ensemble ackert sich mit Feuereifer durch diese Uraufführung. Julia Gräfner, die kürzlich schon in den „Effingers“ eine der anrührendsten Szenen als trauernde Mutter eines Grippe-Toten hatte, prägt „Heidi weint“ auf unnachahmliche Weise mit ihrer eindringlichen Präsenz und mit bewundernswertem Körpereinsatz.

Nächste Vorstellungen
am 8. und 9. November; Telefon 089/23 39 66 00.

Auch interessant

Kommentare