Heilige Erika

- Erika strahlt. Sie habe eine Liebesgeschichte, sagt sie. Mit Gott. Ein Engel sei ihr erschienen und habe sie auf die Pilgerreise nach Tschenstochau zur Schwarzen Madonna geschickt. Wenn sie dort nicht innerhalb eines Tages ankomme, werde Gott sie vernichten. Doch Erika ist versehentlich in den falschen Bus gestiegen, der eine Gruppe an Leib und Seele behandlungsbedürftiger Menschen in ein abgelegenes Kurhotel bringt. Der Fahrer stellt Erika zur Rede.

Vielmehr redet er für sie: Sie sei eine Drogenabhängige, habe schwarzfahren, sich in Polen Stoff besorgen wollen. Mit allen Mitteln will er dieses wandelnde Menschheitsgewissen loswerden. Notfalls töten.

In gewisser Weise hat er recht, der Fahrer Hermann in Lukas Bärfuss' "Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)", Stück des Jahres 2005, ausgezeichnet auch bei den Mülheimer Theatertagen. Erika ist eine Schwarzfahrerin des Glaubens: Er soll sie an ihr Lebensziel transportieren, den Fahrpreis aber setzt sie selbst, und er darf nicht mehr als ihren aufopferungsvollen Gehorsam betragen.

Und sie ist eine Abhängige der Droge glückseligmachende Naivität. Stephan Kimmigs exzellente Uraufführung am Hamburger Thalia Theater, die nun als Gastspiel in den Münchner Kammerspielen zu sehen war, entfaltet die ganze Tragik dieser provozierenden, bedingungslos fordernden Figur, ohne sie je der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Zuschauer aber macht er zu mitfiebernden, bangenden Zeugen dieses Zusammenstoßes von Kinderglaube und einer bis zur völligen Skrupellosigkeit säkularisierten Gesellschaft. Wie ein brüchiges Hallendach mutet die an Seilen aufgehängte, gewölbte Holzfläche an, auf der sich Erika und die Erlösung von ihren Zipperlein suchenden Reisenden vorsichtig wie auf einer Eierschale bewegen.

Wege zu Gott

Fritzi Haberlandt hat selbst etwas Madonnenhaftes an sich, wie sie so entwaffnend unschuldig aus ihrem hellblauen Kapuzenpulli herausschaut, der das Haar züchtig bedeckt. Und wenn sie selbst mit leisem Zweifel dieses altmodische Wort "Jubilieren" für ihren Herzenszustand verwendet, spürt man die Verzweiflung,  die die  Frömmelei zu ihrem Strohhalm werden ließ. Die verständnislose Busladung Menschen aber ist nicht viel normaler.

Die Munterkeit, mit der der Busfahrer seine selbstherrliche Moral vertritt, strotzt nur so aus Werner Wölbern. Und Victoria Trauttmansdorff ist sich als eisern jung gebliebene Reiseleiterin sowieso zu fein für Mitgefühl. Einzig Tankwart Anton (glänzend: Peter Jordan) ist Erika an Bedingungslosigkeit ebenbürtig. Und mit dieser zum Schieflachen simplen und doch geistreichen Figur scheint für Erika die Utopie auf, auch fern der Schwarzen Madonna Erlösung von ihrem gläubigen Egoismus finden zu können. Aber so einfach ist das bei dem Schweizer Lukas Bärfuss nicht. Erika zieht weiter, auf die Gefahr hin, dass sie von Gott bestraft wird. Ob wegen ihres Zuspätkommens oder, weil sie ihren Gott nicht in ihrer nächsten Nähe finden konnte, sei dahingestellt.

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