Heilige Johanna der Schmachthöfe

Netrebko und Villazón in Berlin: - Ein Dreier für die Kameras? Mitten im Jubel ging Daniel Barenboim dazwischen, griff nach den fest umschlossenen Händen der beiden. Aber Rolando Villazón hielt lachend und eisern an der Partnerin fest: Was der Markt vereint hat, kann der Chef nicht trennen. Erstmals also Anna Netrebko in Berlin, überhaupt erstmals das Traumduo in einer deutschen Premiere vereint.

Doch drinnen ein bisschen Genscher, ein bisschen Netrebko-Entdecker Gergiev, draußen vor der Staatsoper keine Schwarzmarktler mit Hundertern, dafür einer, der "Liebe gegen Karte" bietet - Ausnahmezustände sehen anders aus.

Höchste Nummer-Sicherheitsstufe herrschte beim Berliner Operngipfel. Vincent Patersons gefahrlose Inszenierung von Jules Massenets "Manon" wurde dafür aus Los Angeles importiert und der eigentlich vorgesehene Dirigent Bertrand de Billy aus der Produktion gekickt. Hausherr Daniel Barenboim griff nach der Premiere, zwei weiteren Vorstellungen und wohl nach Vermarktungstantiemen, die übrigen vier Abende, ein Kuriosum, wurden nochmals unter zwei Kollegen aufgeteilt.

Drei Stunden "Manon" als gespieltes Hochglanzmagazin: Paterson, der sich durch Videoclips unter anderem für Michael Jackson, Choreographien und eine Netrebko-DVD offenbar ausreichend für seine erste Oper qualifizierte, zeigt das Stück als Selbstinszenierung eines Stars. Ein Leben in Dauerposen. Anfangs gibt Anna die Hyperkokette, später die laszive Marylin, im Finale, frisch dem Gefängnis entronnen, die heilige Johanna der Schmachthöfe. Der Chor tippeltappelt in 50er-Jahre-Kostümen über die Bühne, Manon blättert in Hollywoodzeitschriften, und wenn‘s doppelbödig werden soll, lässt Paterson Scheinwerfer hereinrollen, um (Achtung Symbol!) das künstelnde Leben und Sterben seiner Heldin zu unterstreichen. Doch die glatt dahinschnurrende Regie schmeckt weniger nach Deutsche Staatsoper, eher nach Bochumer Stella-Musical, Kitsch bis zur (ungewollten) Komik inklusive.

Seit der Münchner "Bohème" vor zwei Wochen sind nun die Verhältnisse wieder zurechtgerückt - auch wenn das Duo statt französischer Vokaleleganz etwas viel Verismo zeigt. Die Netrebko ist gewiss eine glanzvolle Manon, als Mimi war sie trotzdem besser. Und Villazón alias Des Grieux, an der Isar noch kränkelnd, hat aufgeholt. Ob als schüchtern Entflammter, der sein Hosentürl überprüft, oder als Abbé, dem die Betschwestern reihenweise verfallen: Villazón versprüht in Überdosen Charme - und Stimmkraft.

Forcieren, die Diagnose wäre zu negativ. Der Mexikaner ist ja einer, der sein Innenleben risikolustig nach außen stülpt. Doch am stärksten ist er dann, wenn er wie in der Traumerzählung ein paar Atü aus dem Vortrag herausnimmt: ein empfindsamer Lyriker, der leider seinem Image als Hochdruck-Tenor hinterherdampfen muss.

Medienpartnerin Netrebko zeigt anfangs ebenfalls viel Stimme, ist offenbar wild entschlossen, die Premiere zu dominieren. Statt verführerischer Süße à la Mimi unterlaufen ihr einige nachjustierte und verhärtete Spitzen sowie angetäuschte Verzierungen. Mit zunehmender Dauer findet sie jedoch zu Innerlichkeit und berührender Intensität, die - aber das passt ja zu Manon - immer auch etwas hergestellt wirkt. Und fast geht unter, dass die Staatsoper mit Alfredo Daza, ein intensiv und intelligent gestaltetender Lescaut, und Christof Fischesser als ein Conte des Grieux von nobler Größe zwei hauseigene Gegengewichte hat.

Herzschmerzig dann das letzte Bild, in dem freilich einer dem Traumpaar endgültig den Rang abläuft. Denn Barenboim zeigt mit der Staatskapelle Berlin, wer nicht nur bei Wagner Herr im Hause ist. Mal lässt er im Geist der Opéra comique auf Spitze musizieren, um dann wieder herzhaft zuzulangen. Das Quartett und das Finale gischten förmlich in den Zuschauerraum. Barenboim arbeitet heftig, packt vor allem bei Kulminationspunkten aus: Passion pur, lodernd, den Hörer packend, die Singstimme jedoch nie überfahrend. Und stets wird dabei Massenets Partitur, der man hier locker den Vorzug vor der Puccini-Version gibt, durch den Klang dieses Orchesters vergoldet.

Jubel, Standing Ovations, Barenboim bekam doch noch seine Dreierszene vor dem Vorhang: "Manon" funktioniert ja - wie Verdis "Traviata" - wunderbar als Starletvehikel, weil jeder bei der ruhmsüchtigen Titelheldin auch ein klein wenig Netrebko mitdenkt. Mit dieser Logik wäre "Tosca" die nächste Stufe. Doch vor dem Schwergewicht mögen gute Geister das Duo noch mindestens zehn Jahre bewahren.

Arte sendet den Mitschnitt am 9. Mai, 20.15 Uhr.

Die Besetzung

Dirigent: Daniel Barenboim.

Regie und Choreographie: Vincent Paterson.

Bühne: Johannes Leiacker.

Kostüme: Susan Hilferty.

Chöre: Eberhard Friedrich.

Darsteller: Anna Netrebko (Manon), Rolando Villazón (Des Grieux), Alfredo Daza (Lescaut), Christof Fischesser (Comte des Grieux), Rémy Corazzo (Guillot de Morfontaine), Arttu Kataja (De Brétigny).

Die Handlung

Manon soll von Cousin Lescaut ins Kloster gebracht werden. Sie verliebt sich in Des Grieux. De Brétigny verspricht ihr Luxus - wenn sie vom Geliebten lässt. Sie willigt ein. Des Grieux will Priester werden, Manon holt ihn aus dem Seminar. Nach einem Glücksspiel werden beide verhaftet. Manon, tödlich erkrankt, stirbt nach der Freilassung in Des Grieux‘ Armen.

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