Heilige Kühe auf den Grill schmeißen

- Normalerweise tun Sänger so etwas nicht. Sich durch Bibliotheken wühlen. Historischen Kollegen nachspüren. Bei Mozarts "Idomeneo" dramaturgische Vorarbeit leisten. Ein neues Stück aus Barockwerken mixen. Oder sogar inszenieren. Gemessen an all dem träfe auf Kobie van Rensburg, jahrelang Mitglied des Gärtnerplatztheaters, also nur eine mögliche Diagnose zu: nicht normal.

Derzeit sitzt er, der international gefragte Tenor für Barock- und Mozartrollen mit Wohnort München, in Halle erstmals am Regiepult. Der 36-Jährige inszeniert dort Monteverdis "L‘Orfeo" ­ jenes Stück, das als erste Oper überhaupt gilt, das am 24. Februar 400. Geburtstag feiert und in dem er schon oft die Titelrolle übernahm. Premiere ist am kommenden Samstag, den Orfeo singt, natürlich, van Rensburg selbst.

Der Stück-Vorschlag kam vom Hallenser Intendanten Klaus Froboese, und van Rensburg zögerte zunächst, "weil ich ja sonst eher zu Lustigem neige". Immerhin hat er Countertenor Axel Köhler mit der Speranza, der (weiblichen) Hoffnung betraut. "Als Augenzwinkern."

Wer Kobie van Rensburg trifft, muss viel Zeit mitbringen. Aber dafür verlässt man ihn nach den paar Stunden mit einem Informationspaket über barocke Aufführungspraxis, sonstige Musikgeschichte ­ und allerhand Theaterinterna. "Ich habe viele Inszenierungen hinter mir, in dem die Regisseure die Sänger zu wenig einbeziehen. Es ist doch die Bankrotterklärung eines Konzepts, wenn es sich in der Praxis als zu starr erweist."

Spürbar ist, dass es Kobie van Rensburg ganz anders machen will. Und dass ihm die eigene Erfahrung dabei zugute kommt. Was einigen Sängern fehle, sei das Bewusstsein für die Rollen, konstatiert er. Oft sei es notwendig, ihnen "einen Fokus zu vermitteln", also schlicht dafür zu sorgen, dass sie ihren Gesang auf der Bühne überhaupt an jemanden adressieren. "Manchmal bin ich da ganz streng, stelle sie bloß und frage auf der Probe: Sag‘ mir mal, was singst du da eigentlich?" Solche Dinge hätten viele Regisseure ignoriert. "Die können die ,Basics’ nicht vermitteln, weil sie dauernd nach dem großen Wurf streben."

Doch auch für ihn selbst sei das Inszenieren eine "gesunde Erfahrung". Monteverdis Oper thematisiere ja letztlich ein Künstlerschicksal. Ist man sich selbst ehrlich gegenüber? Plagt mich die Hybris? Warum kann und will ich mein Schicksal nicht akzeptieren? All diese Fragen werfe die barocke Version des antiken Orpheus-Mythos auf. Eitelkeit spiele daher eine wichtige Rolle in seiner Inszenierung.

"Ich neige sonst ja eher zu Lustigem."

Kobie van Rensburg

Dabei müsste van Rensburg nicht unbedingt Regie führen. Opern- und Konzertauftritte füllen den Terminkalender, vor einigen Wochen stand er als Idomeneo auf der Bühne der New Yorker Met, unten im Graben: James Levine, der sich darüber freute, endlich einmal die komplette Partie mit allen Koloraturen und Rezitativen zu hören ­ stimmschwere Altmeister wie Plácido Domingo pflegen, eine entschärfte Fassung zu singen.

"Mein alter Gesangslehrer in Südafrika hat dafür gesorgt, dass ich die Augen offen halte für Dinge außerhalb des Singens", erklärt sich Kobie van Rensburg seine "fachfremde" Wissbegierde. Er stammt aus Johannesburg, ließ zwar seine Stimme ausbilden, studierte aber parallel Jura und Politikwissenschaft. "Ich war damals immer ein besserer Jurist, als Sänger war ich Klassenletzter." 1991 wurde er in Südafrika an einem kleinen Haus mit dem Belmonte in Mozarts "Entführung" betraut, kurz danach kam er ins Opernstudio der Bayerischen Staatsoper. Nach einer Saison wechselte van Rensburg ins Gärtnerplatz-Ensemble, wo er vor allem Mozart sang ­ aber auch mit Regisseur Peer Boysen den schrägen Barock-Abend "Ein Theater nach der Mode" konzipierte. Singen oder inszenieren liegt für Kobie van Rensburg dabei gar nicht so weit auseinander. "Ich habe mich auch auf der Bühne immer als Erzähler gesehen ­ was ist ein Regisseur schon anderes?"

Im Gespräch kann er sich hingebungsvoll über Details auslassen: wie eine bestimmte Koloratur zu singen oder eine Fermate zu verzieren sei. Und live ist er einer der wenigen, der dies auch konsequent umsetzt. Sein heller, sehr flexibler, relativ nah an der Sprechstimme orientierter Tenor befähigt ihn dazu. Auch wenn dieses Kapital während der Regie-Arbeit etwas leidet, wie er zugibt. "Aber das Inszenieren tankt einfach meine Batterien auf."

Für den "Orfeo" hat er sich mit Ausstatterin Claudia Doderer eine besondere Situation ausgedacht: Das Publikum sitzt um eine Drehbühne herum, überwölbt wird alles von einem Sternenatlas. Eine fast intime Situation wie in einem Zirkel, was an die Uraufführung erinnert.

Ob selbst singen oder Regie führen: Kobie van Rensburg ist ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Textverständlichkeit. Die wörtliche Übersetzung von Alessandro Striggios Libretto wird daher über Videoprojektionen eingeblendet. "Ich weiß jetzt schon, dass das eine Streitfrage bei Publikum und Kritikern sein wird."

Doch vorerst muss der Tenor-Regisseur mit den Hallenser Besonderheiten kämpfen. Mit einem "wahnsinnig kleinen Budget" ­ oder mit Feuerwehrvorschriften, die den ersten Bühnenentwurf zunichte machten: "Manchmal hätte ich schon Lust, all diese heiligen Kühe einfach auf den Grill zu schmeißen."

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